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Tschernobyl ist überall – Tschernobyl is everywhere

05.08.2011

Susanne Gerber
Samstag, 26. April 1986, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden. Im Block 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl explodieren 180.000 Kilogramm hochradioaktives Material aus dem Inneren des Reaktors. Das entspricht der Menge von 1.000 Hiroshima-Bomben… Als die ferngesteuerten Maschinenroboter, die u.a. das Dach von den Graphitblöcken reinigen sollten (…) wegen der hohen Radioaktivität nicht funktionierten, wurde eine riesige Armee menschlicher Roboter eingesetzt, die Liquidatoren (…) Viele Liquidatoren, schätzungsweise zwischen 50.000 bis 100.000, sind gestorben, und 90 Prozent von ihnen sind schwer erkrankt. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 540.000 bis 900.000 junge Männer sind infolge von Tschernobyl schwer erkrankt.[1]

Der »größte anzunehmende Unfall« (GAU), der laut Atomindustrie einmal in 1.000.000 Jahren passieren könnte, ereignete sich gerade einmal 15 Jahre nach der Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes in Tschernobyl. Er hat die »Restrisiko«-Logik auf tödliche Weise ad absurdum geführt – und Hunderttausenden von Menschen das Leben zerstört bzw. gekostet.

Dieser GAU hatte nicht nur tödliche Strahlung »frei«gesetzt. Auch die absurde Konstruktion von der »friedlichen Nutzung der Kernenergie« und die sie tragende Große Koalition aus Politik, Wirtschaft und Militär standen kurz vor dem Abgrund.

Die für tot erklärte Anti-AKW-Bewegung kehrte zurück auf die politische Bühne.

Trotz vielfältigster Aktionsformen und einer nie da gewesenen politischen Breite, von Naturschützern, Umweltorganisationen, Untergliederungen von Regierungs- und Oppositions-Parteien bis hin zu autonomen Gruppen gelang es der Anti-AKW-Bewegung bis dahin nicht, das Atomprogramm einschneidend zu gefährden. Die breite Ablehnung der Bevölkerung gegenüber der Atompolitik schlug nicht in eine Krise der politischen Repräsentation um.

Im Gegenteil: Politisch setzte die Große Koalition der Atomkraftbefürworter auf Spaltung der Bewegung, in Gewaltfreie und Gewalttätige. Damit einher ging eine wachsende Repression, die sich der Grenze militärischer Eskalation näherte: Der Bundesgrenzschutz/BGS wurde erstmals zur Niederschlagung politischer Auseinandersetzungen im Inneren eingesetzt: Zug um Zug verwandelte sich der BGS in eine paramilitärische Option gegenüber dem radikalen Teil der Anti-AKW-Bewegung: Schützenpanzer, BGS-Hubschrauber und BGS-Einheiten gehörten fortan zum ganz normalen Erscheinungsbild staatlicher Macht.

Die zwischen Neubestimmung und Resignation schwankende Anti-Akw-Bewegung wurde von den Ereignissen nach Tschernobyl überrollt und mitgerissen: Hunderttausende demonstrierten in zahlreichen Städten der BRD. Auf unglückliche Weise löste der GAU in Tschernobyl die schon lange erhobene Forderung: »Weg von den Bauzäumen, zurück in die Städte« ein. In Frankfurt demonstrierten 10.000 gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Jede Art von Gemüse flog durch die Scheiben des Rathauses. Am 8.11.1986 demonstrierten über 20.000 Menschen gegen die Atom-Firmen Alkem/Nukem in Hanau. Produktionszentrum für nukleare Brennstoffe, die sowohl für Atomkraftwerke als auch für Atomwaffen genutzt werden können – Inbegriff des fließenden Überganges von ziviler zur militärischen Nutzung der Atomenergie. Der Friedensforscher Robert Jungk beendete seine Rede vor den Toren von Alkem/Nukem mit den Worten: »Macht kaputt, was euch kaputt macht.« und bis Ende des Jahres wurden knapp 100 Strommasten umgesägt… Plötzlich schien es möglich zu sein, die Friedensbewegung zu radikalisieren und die Anti-Akw-Bewegung zu verbreitern, gesellschaftliche Verankerung und politische Zuspitzung miteinander zu verbinden. Nicht nur den AKW-Betreibern, auch den politisch Verantwortlichen war klar, dass das Atomprogramm auf der Kippe stand.

Schwerer Atomunfall in Geesthacht 1986

Inmitten dieser aufgeheizten Stimmung und politisch äußerst brisanten Lage ereignete sich am 12. September 1986 ein weiterer »Atomunfall«, nicht in der Sowjetunion, weit weg, sondern bei Geesthacht an der Elbe[2]. Auf dem Gelände des staatlichen Forschungszentrums GKSS (früher Gesellschaft zur Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt) kam es zu einem »Brand«[3]. In Folge dieses Ereignisses wurde eine erhöhte Radioaktivität in der näheren Umgebung gemessen. Ein »Brand«, ein (atomarer) Unfall, der bis 2001 geheim gehalten werden konnte.

Alarmiert durch erhöhte Radioaktivität machte die dort aktive Bürgerinitiative zuerst das nahe liegende AKW Krümmel dafür verantwortlich. Die Landesregierung und vor allem Bundesstellen und (Aufsichts-)Behörden nahmen dankbar den Verdacht eines radioaktiven Lecks im AKW Krümmel auf und veranlassten entsprechende Untersuchungen. Weder wurde in ›alle Richtungen‹ ermittelt, noch in eine andere, ausschließlich in die falsche!

Es wurde unterlassen, Bodenproben auf dem Gelände der GKSS, in unmittelbarer Nachbarschaft zum AKW Krümmel gelegen, zu nehmen. Es fanden keine Durchsuchungen auf dem Gelände der GKSS statt. Es wurden keine Unterlagen beschlagnahmt, die die Aktivitäten der GKSS aufzeichneten und »Experimente« dokumentierten. Es wurden keine Mitarbeiter des atomaren Forschungszentrums vernommen…. Selbst das Naheliegendste lag den ermittelnden Behörden völlig fern: Die Einsatzprotokolle und sichergestellten Fundstücke der lokalen Feuerwehr, die einen Brand am selben Tag löschte, anzufordern und auszuwerten.

Die Intensität, mit der falsche Fährten gelegt, offensichtliches unterlassen und belastendes (verstrahltes Material) beiseite geschafft wurde, würde für eine ganze Krimi-Serie reichen:

Der Brand am 12.9.1986 zerstörte nicht nur Fauna und Flora: »Auf einer früheren Luftaufnahme ist dort (ein zwischen GKSS und Kernkraftwerk Krümmel gelegenes Areal, dV.) noch ein Gebäude erkennbar.«[4]

Auf dem Gelände der GKSS befanden sich auch mehrere Strahlendetektoren. Genau dort, wo sich der Unfall ereignete, fiel der Strahlendetektor ›3/9‹ (»Lokalisation: GKSS Tesperlude/Institut für Physik«[5]) über zwölf Wochen aus. Ein entsprechender Registrierungsauszug der Fa. ESN belegt dies eindeutig: »38. -49. KW ungeplante Stationsverlegung nach Brand am ursprünglichen Aufstellungsort.«[6]

»Im Zeitraum zwischen dem 15.9.1986 und dem 14.9.1987 wurden per Lkw ›bestrahlte Brennstabsegmente‹ ins bayrische Karlstein gefahren.«[7]. Bis heute bleiben die Aussichtsbehörden die Antwort schuldig, was es mit dieser Fracht, mit diesen »bestrahlten Brennstabsegmente« auf sich hatte. Das Ziel dieser LKW-Fahrten ist aufschlussreich: In Karlstein/Bayern befand sich ein Zwischenlager für Brennelemente. 1993 wurde dieses atomare Zwischenlager außer Betrieb genommen.

Konzentrierte Untätigung

Die behördliche Unterlassung von Untersuchungen auf dem Gelände der GKSS, die gezielte Untätigkeit der Staatsanwaltschaft, das Unterbleiben eines Ermittlungsverfahrens, das Nichteinschalten des LKA, die verschwundenen Deklarations-Unterlagen über die Transporte ins atomare Zwischenlager Karlstein, die unauffindbaren Protokolle über all das, was in Karlstein »entsorgt« wurde, kann man für eine lückenlose Verkettung von sagenhaften Zufällen halten. Weniger mystisch lässt sich darin der von Robert Jungk skizzierte Atomstaat erkennen. Ein vorsichtiger Versuch, das perfekte Zusammenspiel von privaten Atomfirmen und staatlicher Atomforschung, atomaren Aufsichtsbehörden und (Landes/Bundes)-Regierung, Justiz und Polizei, Staatsschutzbehörden (LKA/MAD) und Militär nicht mit Zufälligkeiten, sondern mit Systematik zu erklären. Das genaue Gegenteil von dunklen Andeutungen und gruseligen Verschwörungstheorien.

Wären ein paar Monate nach Tschernobyl die offiziellen Untersuchungen nicht ausschließlich auf das AKW Krümmel fokussiert, sondern auf das GKSS ausgedehnt worden, wären Spuren und Zusammenhänge ans Tageslicht gekommen, die das Atomprogramm mehr gefährdet hätten, als die wieder an Kraft gewonnene Anti-AKW-Bewegung.

So brauchte es 15 Jahre, bis der Nachweis erbracht werden konnte, dass nicht das AKW Krümmel für die erhöhte Radioaktivität ursächlich verantwortlich war, sondern das ganz in der Nähe gelegene Forschungszentrum GKSS. Viel zu spät entdeckten Wissenschaftler der Arbeitsgemeinschaft für Physikalische Analytik und Messtechnik (Arge PhAM) in der Umgebung der GKSS millimetergroße Kugeln, die weder in der Natur, beim Betrieb eines AKWs, noch bei oberirdischen Atomtests ›abfallen‹. Auf Dachböden und im Erdreich wurden Transurane, u.a. Plutonium-241 und Americium-241 gefunden.

Nachdem alle deutschen Forschungsinstitute unisono eine Untersuchung der Bodenprobe ablehnten, wurde die internationale Sacharow-Universität in Minsk mit der Analyse beauftragt. Das Ergebnis war sensationell und ist  bis heute nicht bestritten: Die nukleartechnischen Kügelchen enthalten die spaltbaren Stoffe Uran, Plutonium-241, Americium-241 und Curium. In der Fachwelt werden sie als »sphere PAC« bezeichnet.

Diese »PAC-Kügelchen« versinnbildlichen auf anschaulichste Weise den zivil-militärischen Doppelcharakter (Dual-Use) der angeblich ausschließlich friedlichen Nutzung der Nuklearforschung: Sie können als Brennstoffe für Hochtemperaturreaktoren genutzt werden. Aufgrund des hoch angereicherten Urans bzw. Plutoniums stellen sie zugleich die entscheidenden Komponenten für militärische Optionen dar.

Diese Entdeckung hätte zum falschen Zeitpunkt fatale Folgen haben können. Erstens: Die notorische Behauptung aller deutschen Bundesregierungen, die Nuklearforschung diene ausschließlich friedlichen Zwecken, hätte widerlegt werden können. Zweitens: Der Nachweis wäre erbracht, dass die Bundesrepublik seit Jahren den von ihr unterschriebenen Atomwaffensperrvertrag gebrochen hat. Drittens: Der »Atomstaat« wäre keine paranoide Vorstellung von Anti-AKW-Gegnern, sondern eine zwingende Konsequenz aus der Tatsache, dass der militärische Charakter der Atomforschung unter allen Umständen geheim gehalten werden muss.

Ex-Ministerpräsident Barschel wollte auspacken – und mußte sterben (wollen)

Das heutige Wissen über einen verschwiegenen Atomunfall auf dem Gelände der GKSS lässt ein weiteres Ereignis in einem möglicherweise anderen Licht erscheinen. Uwe Barschel (CDU) war Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, als sich der Atomunfall in Geesthacht ereignete. Nur ein Jahr später, 1987, standen Landtagswahlen an und der Spitzenkandidat der CDU fürchtete um seine Wiederwahl. Mit dreckigen Tricks versuchte er den Gegenkandidaten der SPD, Björn Engholm zu diskreditieren. Als dies bekannt wurde, seine »Ehrenworterklärung« kein Pfifferling mehr wert war, trat er am 2.10.1987 zurück. Kurz danach machte er zusammen mit seiner Frau Urlaub auf Gran Canaria. Dort erreichte ihn die Meldung, dass ein Untersuchungsausschluss zur »Barschel-Affäre« eingerichtet worden ist. Der Ex-Ministerpräsident zeigte sich erbost und drohte – im Gegenzug – vor dem Untersuchungsausschuss »auszupacken«. Noch auf Gran Canaria vereinbarte Uwe Barschel ein Interview mit der Illustrierten ›Stern‹ in Genf. Reagiert so ein Mann, der nicht mehr weiter weiß?

Uwe Barschel brach seinen Urlaub ab und flog alleine in die Schweiz, nach Genf. Zur selben Zeit flog Werner Mauss, mit seiner Frau und einer unbekannt gebliebenen Person nach Genf. Werner Mauss arbeitete sowohl für den Verfassungsschutz, als auch für den Auslandsgeheimdienst/BND. Tags darauf wurde Uwe Barschel tot in der Badewanne gefunden, als hätte der Herausgeber des Selbsthilfe-Buches »Wie begehe ich Selbstmord ganz sicher«, eine Demonstration abgeliefert. Mit der Umsicht eines Menschen, der keinen Ausweg mehr sah, ließ Uwe Barschel seine Hotelzimmertür offen, damit ein Stern-Reporter das Foto schießen konnte, das den Selbstmord eindrucksvoll belegen sollte…..

»Um 12.51 Uhr (…), ungefähr zwanzig Minuten, nachdem man Barschels Leiche gefunden hat, verlässt die gecharterte Maschine mit dem Ehepaar Mauss an Bord Genf und macht sich auf den Rückflug nach Frankfurt.«[8]

Warum ein Ex-Ministerpräsident nach Genf flog, um dort Selbstmord zu begehen, konnten und wollten die Untersuchungen nicht klären. Die Familie Barschel widersprach jedenfalls der »Selbstmordthese«. Die Untersuchungen Schweizer Behörden wiesen auf deutliche Anzeichen eines Fremdverschuldens hin. Dennoch verliefen alle weiteren Untersuchungen (in Deutschland) im Sand.

Ein ganz normaler Skandal um schmutzige Praktiken, an der Macht zu bleiben, drohte außer Kontrolle zu geraten. Was stand alles auf dem Spiel? Wer befürchtete eine ungewollte Kettenreaktion? Was hätte der Ex-Ministerpräsident alles auspacken können? Bisher war nur von illegalen Waffengeschäften die Rede, in die Uwe Barschel verwickelt gewesen sein soll. Doch was wusste Uwe Barschel als oberster Dienstherr über Projekte im staatlichen Forschungszentrum GKSS, die der Geheimhaltung (wie z.B. Experimente zur Urananreichung[9]) unterlagen?

Das atomare Forschungszentrum GKSS – ein zivil-militärischer Komplex

Nachdem sich der Schwerpunkt der (unabhängigen) Nachforschungen ab 2001 auf das atomare Forschungszentrum GKSS verlagerte, häuften sich abermals die ›Zufälle‹: Im Büro der Feuerwehrzentrale, die den Brand auf dem Gelände der GKSS löschte, brach am 1.9.1991 ein Feuer aus – und vernichtet alle dort gelagerten Unterlagen. Kopien über den Feuerwehreinsatz auf dem Gelände der GKSS ließen sich partout nicht in deren Geschäftsunterlagen finden. Und trotz Bitten und Betteln der Untersuchungskommissionsmitglieder lehnten sowohl die zuständige Staatsanwaltschaft, als auch das LKA die Einleitung (bisher unterlassener) Ermittlungsverfahren ab. Im Fußball ein klassischer Fall von Doppeldeckung. Was in jedem anderen (oppositionellen) Fall für Hausdurchsuchungen, Razzien, vorläufige Festnahmen, Polizeiaktionen unter dem Vorzeichen »Gefahr im Verzug« und bundesstaatsanwaltschaftliche Ermittlungen reichen würde, hatte in diesem Fall organisiertes Stillhalten zur Folge.

Ob es sich bei den gefundenen Transurane um PAC-Kügelchen handelt, ob damit – unter Verstoß des Atomwaffensperrvertrags – mit militärischer Zielsetzung geforscht und experimentiert wurde, hätten die zuständigen Behörden schnell klären bzw. sicher entkräften können:

Die Atomfirma ›Hobeg‹ in Hanau hatte damals die kugelförmigen Brennelemente für den Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop und den Forschungsreaktor in Jülich hergestellt. Ein Vergleich der dort produzierten kugelförmigen Brennelemente mit den Funden in der Umgebung der GKSS hätte jeder Spekulation den Boden entziehen können. Nichts, aber auch gar nichts wurde unternommen.

Auch die Dementis der Landesregierung und aller Bundesaufsichtsbehörden, auf dem Gelände der GKSS habe es gar keinen Unfall gegeben, könnten schnell und eindeutig untermauert bzw. ad absurdum geführt werden. Wenn die »Fachkommission Leukämie« über Luftbilder vor dem 12.9.1986 verfügt, auf denen eindeutig ein Gebäude zu erkennen ist, das es nach dem Unfall nicht mehr gab, dann liegt es an der Aufsichtsbehörden, diesem schwerwiegenden Indiz nachzugehen, anstatt geisteswissenschaftliche Überlegungen über die Hintergründe der gemachten Vorwürfe anzustellen.

Die wiederholte Anfrage an die Pressestelle der GKSS, einen Lage- bzw. Gebäudeplan aus den 80er Jahren zur Verfügung zu stellen, wurde bis dato mit transparentem Schweigen quittiert. Interessanterweise findet man auf dem aktuellen Lage- und Gebäudeplan der GKSS[10] kein Gebäude mehr, das den Namen »Institut für Physik« trägt. Hat es sich einfach in Luft aufgelöst?

1992 wurde die »Untersuchungskommission Leukämie« von der schleswig-holsteinischen Landesregierung eingesetzt. Nachdem diese Jahre lang den falschen Spuren folgte, änderte sich ab 2002 die Untersuchungsrichtung. Sie ging neuen Spuren nach und beantworte Fragen, die zuvor nie gestellt wurden.

2004 stellte sie ihren Abschlussbericht[11] vor. Er war vernichtend – für die Auftraggeber:

1. Die Funde von Transurane (allen voran Plutonium-241 und Americium-241) sind weder auf das AKW Krümmel, noch auf die Folgen von Tschernobyl zurückzuführen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind sie das Ergebnis von (misslungenen) »besonderen kerntechnischen Experimenten«[12] auf dem Gelände der GKSS.

2. Alle (Aufsichts-)Behörden und Dienststellen, die die Untersuchungskommission um Mithilfe bat, behinderten im hohem Maße die Aufklärung.

3. Um der Landesregierung nicht länger als Alibi für eine »unabhängige« Untersuchung und vorbehaltslose Aufklärung zu dienen, trat die Mehrheit der Mitglieder der Untersuchungskommission zurück.

Eigentlich ist ein Brand in einem Feuerwehrhaus, bei dem die Unterlagen eines anderen Brandes zerstört werden, nicht zu toppen. Doch die Landesregierung setzte im Rahmen der organisierten Vertuschung und Unterlassung noch eines drauf. Als absehbar war, dass die von ihr eingesetzte Untersuchungskommission nicht zu dem gewünschten Ergebnis kommt, setzte die Landesregierung Schleswig-Holsteins zum Plot an:

Sie beauftragte Dr. Wolters mit Expertisen und Gegengutachten, die die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der eingesetzten Untersuchungskommission widerlegen sollten. Jener Dr. Wolters war langjähriger Leiter des Referats Reaktorsicherheit im MFE[13]. Er war also verantwortlich für die Aufsicht der Geesthachter Nuklearanlagen (Kernkraftwerk Krümmel und GKSS). Nachdem er vorzeitig in den Ruhestand versetzt wurde, wechselte er zur Firma »SAST« und fertigte dort als »unabhängiger« Gutachter jene Expertisen und Gegengutachten an, die das Cleaning seiner eigenen Aufsichtstätigkeiten mit zum Gegenstand hatten.

Das ist das vorläufige Ende eines Politthrillers, der in einer Gegend spielt, die heute die weltweit einmalige Häufung von Leukämie-Erkrankungen aufweist.

Solange Behörden und Regierungsstellen nicht ihrer Pflicht zur Aufklärung nachkommen, ist von der Größten Anzunehmenden RegierungsKriminalität /GARK auszugehen.

Wolf Wetzel 2006

http://wolfwetzel.wordpress.com/2007/08/01/tschernobyl-ist-uberall/

Eine um aktuelle Ereignisse ergänzte Fassung findet ihr bei Telepolis vom 9.11.2009  mit dem Titel: Mit fragwürdigen Methoden zurück in die Atomkraft? unter:

http://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/31/31449/1.html&burl=/tp/r4/artikel/31/31449/1.html&words=Gef%E4lligkeitsgutachten

Eine gekürzte Fassung erschien unter dem Titel »Ein fast perfektes Verbrechen« in der Wochenzeitung ›Freitag‹ am 11.8.2006

 

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40 neue Kernkraftwerke bis 2030 in Europa

13.12.2011

Susanne Gerber

Atomkraft? Ja, bitte! Die EU-Kommission scheint sich um die deutschen Ausstiegspläne nicht viel zu kümmern: Sie will die Kernkraft forcieren und befürwortet 40 neue Kraftwerke allein bis 2030. Und ausgerechnet der deutsche Kommissar Günther Oettinger treibt das Projekt voran. Der deutsche EU-Energiekommissar will an der Kernkraft festhalten und macht sich sogar für den Neubau von Atomkraftwerken stark. Im Entwurf für den „Energiefahrplan 2050“ der EU bezeichnet die Kommission die Atomkraft als „wichtigen Faktor“. Unterhändlern zufolge sehen die Details der Szenarien den Neubau von 40 Kernkraftwerken allein bis 2030 vor. Die Atomenergie stehe heute für den größten Anteil CO2-freier Energie, heißt es etwa in der Vorlage aus Brüssel, die Oettinger nach Angaben aus EU-Kreisen bereits seinen Kommissionskollegen präsentiert hat. Und sie bleibe ein wichtiger Lieferant klimafreundlichen Stroms zu vergleichsweise niedrigen Kosten. Oettinger macht damit klar, dass Brüssel auch nach Fukushima langfristig eine Zukunft für die Kernkraft in der Europäischen Union sieht. „Eine neue Generation der Atomtechnik könnte helfen, die Abfall- und Sicherheitsbedenken zu adressieren.“ Schließlich könne Atomstrom zu „niedrigeren Systemkosten und Strompreisen beitragen“, heißt es weiter. Im Rahmen einer groß angelegten „Low-Carbon-Option“ werde die Nuklearenergie daher im europäischen Stromerzeugungsmix erhalten bleiben. Auch eine finanzielle Förderung der Atomenergie in Mitgliedsstaaten ähnlich dem Erneuerbare-Energien-Gesetz für grünen Strom in Deutschland hält die Kommission Unterhändlern zufolge für möglich. Sie könnte demnach Subventionen für Neuinvestitionen in Atomkraftwerke, zum Beispiel in Großbritannien, erlauben. Dabei zieht Brüssel im Kampf gegen die Erderwärmung und trotz erwarteter Rückschläge beim laufenden Gipfel im südafrikanischen Durban in der Klimapolitik die Zügel an. Strom werde seine Bedeutung am Energieverbrauch in Europa bis 2050 verdoppeln, sagt die Kommission voraus. Um die Klimaziele Europas dennoch nicht zu gefährden, müsse sich der Kraftwerkspark in der EU einem radikalen Wandel unterziehen. Der CO2-Ausstoß müsse um mindestens 57 Prozent bis 2030 und um mindestens 96 Prozent bis 2050 sinken. Langfristig nutze ein solcher grüner Umbau aber auch den Verbrauchern. Ab 2030 könnten die Preise spürbar sinken.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/eu-setzt-weiter-auf-atomkraft-bruessel-ignoriert-deutsche-energiewende-1.1230255

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Liegt das Schlimmste hinter uns?

Susanne Gerber

06.07.2011

Vier Monate nach Fukushima sind Meldungen rund um die Atomkatastrophe in den Hintergrund getreten. 
Zu Unrecht, sagt Sebastian Pflugbeil. Der deutsche Physiker ruft zu genauerem Hinsehen auf – auch bei den Schweizer AKWs. Die Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS), der Pflugbeil vorsteht, ist eine Vereinigung von kritischen Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen; sie war eine der ersten Organisationen, die nach der Katastrophe von Fukushima von einem Super-GAU sprachen und warnten, der Atomunfall werde die Dimensionen des Unglücks von Tschernobyl erreichen.

http://www.gfstrahlenschutz.de/pm110323.htm

 

Thomas Angeli interviewt Sebastian Pflugbeil:

http://www.beobachter.ch/dossiers/energie/artikel/atomare-sicherheit_der-stresstest-fuer-akws-ist-makulatur/

TA: «Fukushima» findet schon seit Wochen nur noch in den Randspalten der 
Zeitungen statt. Liegt das Schlimmste hinter uns?
Sebastian Pflugbeil: Nein, überhaupt nicht. Die Strahlenbelastung im Gelände des AKWs Fukushima ist immer noch so hoch, dass man an den Anlagen praktisch nicht arbeiten kann. Es werden immer noch Menschen aus der Umgebung evakuiert, wobei als tolerabel gilt, dass sie pro Jahr 
eine Strahlendosis von bis zu 20 Millisievert abbekommen. Unter Normalbedingungen ist das jedoch der Höchstwert für beruflich strahlenexponierte ­Personen.

TA: Aber die Gefahr ist mittlerweile eingrenzbar?
Pflugbeil: Nein, die Situation ist völlig unübersichtlich und alles andere als unter Kontrolle. Im AKW Fukushima fallen immer noch riesige Mengen radioaktiv hochkontaminierter Flüssigkeiten an, die jetzt einfach mal in grosse Behälter gekippt werden. Man kann bloss beten, dass das am Ende irgendwie nicht doch im Pazifik landet. Überdies gibt es erste Angaben zu kontaminiertem Walfleisch und zu Algen mit zu hohen Strahlenwerten.

TA: Je kleiner die Schlagzeilen, desto grösser also die Katastrophe?
Pflugbeil: Medien halten es halt nicht aus, sich länger als eine Woche mit einem Thema zu beschäftigen. Dann läuft die nächste Sau durchs Dorf.

TA: Ein Schweizer Strahlenschutzexperte hat aber kürzlich erklärt, die Meldungen über die Strahlenexposition der Arbeiter in Fukushima seien teilweise massiv übertrieben gewesen.
Pflugbeil: Das halte ich für wenig plausibel. Am Anfang hatte man schlicht zu wenig Dosimeter zur Verfügung, um die Situation zu überwachen. In den vergangenen Wochen sind aber immer mehr Arbeiter aus Fukushima abgezogen worden, weil sie die 
zulässige Strahlendosis überschritten hatten. Ich halte die Aussage, da sei übertrieben worden, deshalb für nicht belegbar. In meinen Recherchen habe ich keine entsprechenden Hinweise gefunden.

TA: Zudem spricht man bloss von einer guten 
Handvoll verstrahlter Mitarbeiter. Direkte Schäden bei Personen sind ja keine bekannt.
Pflugbeil: Es gab schon Verbrennungen, etwa bei 
Arbeitern, die ihre Schutzkleidung nicht ordentlich abgedichtet hatten und dann mit den Füssen in kontaminiertes Wasser traten. Aber die Mehrheit der Strahlenschäden sind sowieso sogenannte stochastische Schäden. Die werden irgendwann in den nächsten Jahrzehnten auftreten, und es wird ein buntes Spektrum von Erkrankungen geben: Krebs, Leukämie, aber auch andere Krankheiten. Darüber weiss man einiges, unter anderem aus Tschernobyl.

TA: Zuletzt sind immer mehr Fakten bekannt 
geworden: dass es in drei Reaktoren zu Kernschmelze gekommen ist oder dass man im Grundwasser das hochgefährliche Strontium gefunden hat. Hat das für Sie das Bild der ­Katastrophe verändert?
Pflugbeil: Ich habe die Situation relativ früh so eingeschätzt, wie sie sich heute präsentiert. Dazu reichte das kleine Einmaleins der Kerntechnik. Mir war früh klar, dass es zur Kernschmelze gekommen sein musste. Wenn kein Kühlwasser mehr vorhanden ist, dann passiert das einfach. Das ist physikalisch so sicher wie das Amen in der Kirche. Das 
Gerede in den Medien über «partielle Kernschmelzen» – das war kompletter Schwachsinn. Wenn eine Kernschmelze einmal losgegangen ist, dann hält sie nichts mehr auf. Bei der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz haben wir das praktisch von ­Anfang an so eingeschätzt, während die offiziellen Stellen geschwiegen haben. Das ist auch etwas, worüber man einmal nach­denken sollte.

TA: Eine Schweizer Zeitschrift hat kürzlich vom «Super-GAU, der keiner war» berichtet. Für Sie war das aber einer, oder?
Pflugbeil: In den Medien wurde noch spekuliert, ob es zu einem GAU kommen könnte, als der Super-GAU längst eingetreten war. Ein GAU ist das, was eine Anlage mit den eigenen technischen Vorkehrungen gerade noch beherrschen kann, damit keine schädigenden Emissionen das Werksgelände verlassen. In Fukushima wurde diese Schwelle bereits in den ersten Minuten des Unfalls überschritten.

TA: In der Schweiz steht in Mühleberg ein AKW, das von der Bauart her mit dem Reaktorblock 1 in Fukushima vergleichbar ist. Gibt es denn aus ­Ihrer Sicht nach Fukushima Grund, sich mehr Sorgen um die Sicherheit zu machen?
Pflugbeil: Ja, natürlich. Im Gegensatz zum Katastrophenreaktor in Tschernobyl liegt Fukushima in einem Hightech-Land mit sehr disziplinierten Technikern und gut ausgebildeten Wissenschaftlern. Trotzdem sind alle Beteiligten hilflos im Umgang mit der Katastrophe, weil die Handbücher dazu nichts aussagen. Und es wird ein Fehler nach dem anderen gemacht. Bei uns wäre das genauso. Deshalb ist es umso angebrachter, scharf auf die eigenen Atomkraftwerke zu schauen und 
dafür zu sorgen, dass man die so schnell wie möglich loswird.

TA: Immerhin sollen jetzt die europäischen und auch die Schweizer AKWs mit einem Stresstest überprüft werden. Wie beurteilen Sie diesen Test?
Pflugbeil: Das reicht eindeutig nicht.

TA: Weshalb nicht?
Pflugbeil: Es ist immer dasselbe Problem: Überprüfungen von technisch derart komplizierten Anlagen können im Grunde genommen nur Fachleute durchführen, die in diesen Anlagen arbeiten und mit ihnen vertraut sind. Diese Fachleute sind aber insgesamt von ihrer Grundhaltung her nicht daran interessiert, irgendwelche Probleme festzustellen. Das liegt in der Natur der Sache. Leute, die eine kritische Vorstellung haben von der Funktion der Kernkraftwerke, verfügen in der Regel nicht über die notwendige Erfahrung mit dem Betrieb solcher Anlagen. Daher werden die Überprüfungen von den Kernkraftwerken selber gemacht. Die müssten sich ja praktisch selber bescheinigen, dass sie Schwachstellen haben. Das werden sie mit Sicherheit nicht tun.

TA: Das spricht nicht für ein übermässig grosses Vertrauen in die Aufsichtsbehörden, die diese Stresstests kontrollieren müssen.
Pflugbeil: Auch die Aufsichtsbehörden sind dazu nicht in der Lage. Für die deutschen Kernkraftwerke hat die Reaktorsicherheitskommission einen solchen Stresstest angeordnet und durchgeführt. Diese Kommission ist zusammengesetzt aus Fachleuten vom TÜV, mehreren Vertretern von Kernkraftwerken, vom französischen AKW-Bauer Areva, vom Stromkonzern E.on – alles Spezialisten, die ihre bisherige Arbeit in Frage stellen würden, wenn sie jetzt Probleme fänden. Die Kommissionsmitglieder haben sich an 
einen grossen Tisch gesetzt und Akten durchgeblättert, die ihnen die Betreiber der Kernkraftwerke zur Verfügung gestellt haben. Es hat kein einziger Besuch in 
einem Kernkraftwerk stattgefunden, keine einzige Messung, keine Materialprüfung. So taugt ein Stresstest nichts. Im Grunde ist er schon jetzt Makulatur.

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INES 8

Susanne Gerber

23.06.2011

Die internationale Atombehörde IAEA möchte den Schweregrad des Unfalls im AKW Fukushima von International Nuclear Event Scale (INES) 7 auf 8 erhöhen. Eine Stufe, die bis heute noch nicht einmal festgelegt worden ist. Das heißt, die Folgen der Katastrophe in Japan sind noch schlimmer als die von Tschernobyl. Über die Stufenerhöhung erklärte Yukiya Amano, Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde, dass die Dosis der radioaktiven Strahlung in Fukushima ein Mehrfaches der Dosis in Tschernobyl sei. Die Stufe 7, bis heute der höchste Grad eines Atomunfalls, könne die schlimme Situation in Japan nicht mehr hinreichend beschreiben.

Zuvor hatten bereits Wissenschaftler darauf hingewiesen, es gebe viel mehr Bewohner in Fukushima als in Tschernobyl, und außerdem sei das Leck von radioaktiven Partikeln schlimmer als jemals zuvor. Es sei deswegen nötig, dass die IAEA einen neuen Schweregrad einführen solle, um das Ereignis in Fukushima angemessen zu bewerten. Zu Beginn bewertete die Behörde den Unfall im Atomkraftwerk Daiichi in der japanischen Präfektur Fukushima mit Grad 4. Nach den Wasserstoffexplosionen in den Reaktoren 2, 3 und 4 erhöhte man den Grad auf INES-5. Unter Grad 5 versteht man einen Unfall mit „Risiken außerhalb des Felds“ und mit „begrenztem Radioaktivitätsleck“. Zudem liegt dann eine „schwierige Beeinträchtigung“ des Atomkerns im Reaktor vor. Im März, etwa einen Monat nach dem Unfall, erhöhte IAEA den Grad direkt auf INES-7.

Definition von INES-7: Katastrophaler Unfall. Schwerste Freisetzung, Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld, Erhebliche Freisetzung (Äquivalent von > einigen 10.000 TBq von Jod-131), Gesundheitliche Spätschäden über große Gebiete, ggf. in mehr als einem Land. Beispiel: Havarie des Kernkraftwerks Tschernobyl 1986, Ukraine – damals UdSSR (70.000 TBq).

http://german.china.org.cn/international/2011-06/23/content_22845560.htm

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Umfragewerte zur Atomkraft

Susanne Gerber

20.06.2011

Knapp 80 Prozent der Deutschen sprechen sich gegen die Energiegewinnung durch Atomkraft aus, 51 Prozent davon sind sogar „sehr dagegen“. Nur fünf Prozent der Deutschen sind „sehr“, 16 Prozent „etwas überzeugt“ von Atomenergie.

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat sich die Einstellung zu Atomstrom nicht nur in Deutschland verändert. In einer von Ipsos für Reuters News durchgeführten Umfrage in 24 Ländern, gaben 62 Prozent der Befragten an, nukleare Energiegewinnung abzulehnen, davon lehnt jeder Dritte (34%) sie sogar stark ab. Ein Viertel (26%) der Atomkraftgegner weltweit gab an, die Katastrophe in Fukushima habe bei ihnen diese Einstellung ausgelöst. In Deutschland gaben allerdings nur 16 Prozent an, dass die Ereignisse in Japan ihre Meinung maßgeblich beeinflusst hätten, mehr als drei Viertel (77%) der Gegner waren schon vor Fukushima gegen Atomenergie.

Italien
Die Italiener haben laut Umfrageergebnissen weltweit die größte Abneigung gegen Atomkraft. Denn von den 81 Prozent Ablehnern sind 61 Prozent „starke“ Ablehner. Dabei geben 80 Prozent der AKW-Verneiner an, nicht erst seit Fukushima zu dieser Gruppe zu gehören. In Mexiko sind 81 Prozent der Befragten Atomkraft gegenüber abgeneigt (davon 52% stark).

Indien, Polen und USA
Mehrheitliche Unterstützung findet die Nuklearenergie in Indien (61%), Polen (57%), den USA (52%), aber auch Schweden (50%) und Großbritannien (48%) weisen hohe Befürworteranteile auf. In Japan sind immerhin noch 36 Prozent der Befragten eher für Atomkraft, auch wenn nur fünf Prozent starke Unterstützer sind. Über die Hälfte der 58 Prozent japanischen Atomkraftgegner sind erst aufgrund des Reaktordesasters in ihrem Land zu AKW-Gegnern geworden.

weltweit
73 Prozent der Befragten weltweit glauben, dass atomare Energiegewinnung begrenzt ist und bald überflüssig wird. Nur 27 Prozent halten sie für eine adäquate Langzeitlösung. In Russland (57%) und Saudi Arabien (54%) hingegen glauben die Befragten mehrheitlich, dass Nuklearenergie auch in Zukunft unverzichtbar sei. Indien (50%) und selbst Japan (45%) haben ebenfalls hohe Anteile an Vertretern dieser Meinung. In den Ländern mit den bisher schwersten atomaren Vorfällen, Russland und Japan wird die Modernisierung der Atomenergiegewinnung am stärksten unterstützt (73% und 71%). Aber auch in Deutschland würden 46 Prozent die Modernisierung der nuklearen Energiegewinnung vorantreiben wollen.

neue Atomkraftwerke abgelehnt
70 Prozent der Befragten weltweit wollen keinen Bau von neuen Atomkraftwerken. Nur in Polen würde mehr als die Hälfte den Neubau unterstützen. Auch in Indien (49%), den USA (44%), Großbritannien (43%) und Schweden (43%) würden neugebaute Atomkraftwerke Unterstützer finden. In Brasilien (89%), Mexiko (87%), Deutschland (85%) und Italien (83%) hingegen, sprachen sich die Befragten für einen Baustopp aus. Trotz der erwähnten Sympathiebekundungen findet nukleare Energiegewinnung gegenüber alternativen Modellen weltweit wenig Anhänger. Nur 38 Prozent der Befragten hält Atomkraft für eine gute Methode zur Energiegewinnung. Solar- (97%), Wind- (93%) und Wasserkraft findet dagegen großen Anklang.

Japan
Die Kommunikation der japanischen Regierung zu den Ereignissen in Fukushima wird weltweit sehr unterschiedlich beurteilt. Südkorea, Japan und Deutschland gehören zu den schärfsten Kritikern. Nur 17, 23 und 36 Prozent in diesen Ländern fanden, dass die Informationen rechtzeitig und ehrlich (17%,25%,28%) veröffentlicht wurden. Weltweit sieht die Unterstützung da anders aus. 54 Prozent der Befragten hielten die Informationspolitik demnach für ehrlich und 56 Prozent für rechtzeitig.

Diese Ergebnisse stammen aus einer Ipsos-Umfrage, die zwischen dem 6. und 21. April 2011 in 24 Ländern im Auftrag von Thompson Reuters News Service durchgeführt wurde. Die teilnehmenden Länder sind aus den obigen Charts ersichtlich. Für die Studie wurde eine internationale Stichprobe von Erwachsenen in den USA und Kanada und zwischen 16 und 64 Jahren, in allen anderen Ländern zwischen 18 und 64 Jahren, gezogen. Die ungewichtete Basis der Befragten betrug 18.787 Personen. Etwa 1000 Personen wurden pro Land befragt, mit Ausnahme von Argentinien, Indonesien, Mexiko, Polen, Saudi Arabien, Südafrika, Südkorea, Schweden, Russland und der Türkei, in der die Stichproben etwa bei 500 lagen.

http://www.schweizmagazin.ch/news/ausland/7568-Atomkraft-Prozent-der-Deutschen-dagegen.html

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Wien – Konsequenzen aus der Atom-Katastrophe in Japan?

Susanne Gerber

20.06.2011

Zu der am Montag (20.06.2011) beginnenden fünftägigen Sonderkonferenz der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA schicken 30 der mehr als 150 Teilnehmerstaaten ihre Außen-, Umwelt- oder Energieminister an die Donau. Aus den übrigen Ländern kommen hochrangige Beamte. Auch für Deutschland reist die Umweltstaatssekretärin Ursula Heinen-Esser. Diplomaten sprechen hinter vorgehaltener Hand von einem bloßen Fototermin. Vor allem die USA, China und Indien hätten kein Interesse an verbindlichen Aussagen zu den Folgen von Fukushima, sagten Vertreter mehrerer Länder vor dem Treffen. Russland, Österreich und Pazifikstaaten wie zum Beispiel Indonesien wünschen sich dagegen weltweit verbindliche Regeln zur nuklearen Sicherheit, deren Einhaltung die IAEA überprüft. Eine breite gemeinsame Initiative dafür gebe es aber nicht, hieß es. Das vorläufige Abschlussdokument beinhaltet nach Agenturberichten viele Empfehlungen für verbesserte Sicherheit und mehr Informationsaustausch. Auf der Basis des Textes soll IAEA-Chef Yukiya Amano bis September einen Aktionsplan erarbeiten. Bindende Regeln und Kontrollen werden aber nicht erwartet. Es sei noch viel zu früh, um auf der Basis von Fukushima Entscheidungen zu fällen, sagte ein indischer Diplomat der Deutschen Presse-Agentur. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht setzt wie die USA und Frankreich zum Stillen ihres Energiehungers auf Atomkraft. Ein Argument gegen verpflichtende internationale Standards könnte sein, dass diese die Nutzung von Nuklearenergie weiter verteuern, hieß es aus IAEA-Kreisen. Öffentlich wollte sich jedoch kein Regierungsvertreter dazu äußern. Bisher haben die Atomwächter in Wien im Bereich nukleare Sicherheit kaum Kompetenzen. Zwar sind als Folge der Katastrophe von Tschernobyl 1986 internationale Standards wie die Konvention zur nuklearen Sicherheit und die INES-Skala zur Einordnung von Atomunfällen erarbeitet worden. Doch nichts ist verpflichtend. Nach einiger Kritik für seine zögerliche Haltung zu Fukushima forderte Yukiya Amano, der selbst Japaner ist, dann eine Überarbeitung der Standards und lud die Regierungen der Welt zu dem nun stattfindenden Treffen ein. Doch auch wenn zu Beginn der Konferenz unter Diplomaten wenig Optimismus herrscht, hoffen viele zumindest auf eine Stärkung der Rolle der IAEA. Denn die Atombehörde geriet auch in der politischen Debatte nach Fukushima ins Abseits. Bisher wurde diese öffentlich vor allem von den G8-Staaten, der EU oder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geführt. Experten und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen befürchten, wichtigstes Ziel der Konferenz sei es, das Image der Kernenergie nach Fukushima wieder aufzupolieren. „Die IAEA gibt das Feigenblatt der Sicherheit für die Nuklearindustrie und für die Staaten, die Atomkraft vorantreiben wollen“, sagte etwa Shaun Burnie, ein Berater für Atomenergie, der nach dem Unglück in Fukushima für Greenpeace tätig war. Ihn wundert es gar nicht, dass die IAEA nicht allzu kritisch gegenüber der Atomindustrie ist. „Der Fehler liegt im System“, sagt Burnie. Schließlich ist die IAEA als Organisation zwar den Vereinten Nationen beigeordnet und berichte an die UN-Vollversammlung. Doch ihre Aufgabe ist nach den Statuten von 1957, „den Beitrag der Atomenergie zum Frieden, zur Gesundheit und zum Wohlstand zu beschleunigen und zu steigern“. Zwar inspizieren IAEA-Kontrolleure Atomkraftwerke, doch sie kommen nur auf Einladung der jeweiligen Regierung und der Betreiber. Danach formulieren sie Empfehlungen, die völlig unverbindlich sind. Und das soll auch so bleiben. Eine „proaktive Rolle“ der IAEA bei Überwachungen sei auch in Zukunft nicht nötig, sagte IAEA-Sprecher Denis Flory vor Journalisten. „Im Fokus muss das internationale Vertrauen in die Sicherheit der Kernenergie stehen.“ Das hört auch die Atomlobby gern. „Die IAEA macht einen sehr guten Job bei der Ausarbeitung der harmonisierten Sicherheitsstandards“, lobt Christian Taillebois vom Europäischen Atomforum FORATOM. „Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit mit der IAEA.“

http://www.dw-world.de/dw/article/0,,15173415,00.html

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Atomkraft – der teuerste Strom der Welt – Beispiel Deutschland

Susanne Gerber

15.06.2011

Rund 200 Millionen Euro Subventionen sollen laut Bundesregierung bis heute in die Atomkraft geflossen sein. Greenpeace hat nachrechnen lassen: Es sind mindestens 204 Milliarden. Plus 100 Milliarden bis zum Ausstieg – ohne Laufzeitverlängerung. Vor rund einem Jahr hat Greenpeace zum ersten Mal nachrechnen lassen, wie hoch die Atomkraft in Deutschland subventioniert wird. Jetzt liegt die 2. Auflage vor: Staatliche Förderungen der Atomenergie im Zeitraum 1950 – 2010. Zum ersten Mal konnte das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft für die Berechnungen jetzt auf weitgehend vollständige Zahlen zurückgreifErgebnis: Jede Kilowattstunde Atomstrom wird durch staatliche Regelungen mit 4,3 Cent subventioniert. Zum Vergleich: Die Umlage zur Förderung der Erneuerbaren Energien über das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) beträgt derzeit nur zwei Cent pro Kilowattstunde. Für die großen Energieversorger ist der Betrieb der abgeschriebenen Atomkraftwerke eine Goldgrube, für die Volkswirtschaft bedeutet er horrende Kosten.Atomkraft ist nicht nur die gefährlichste, sondern auch die teuerste Form der Stromerzeugung, sagt Andree Böhling, Energie-Experte von Greenpeace. Die Bundesbürger werden von den Betreibern der Atomkraftwerke gleich doppelt abkassiert, über die Stromrechnung und über ihre gezahlten Steuern. Zu den realen Fördermitteln von 204 Milliarden Euro gehören direkte Finanzhilfen des Bundes, Forschungsförderung, Kosten für die Atommüllendlager Asse II und Morsleben oder für die Stilllegung der ostdeutschen Atommeiler. Hinzu kommen Steuervergünstigungen in der Energiebesteuerung und durch die Regelungen bei den Entsorgungsrückstellungen sowie Zusatzeinnahmen der AKW-Betreiber durch den Emissionshandel. Diese staatlichen Förderungen sind im Subventionsbericht der Bundesregierung nicht erfasst. Sie geht von einem äußerst eng gefassten Subventionsbegriff aus. Übrig bleiben dabei nur die Kompensationszahlungen an die Land- und Forstwirtschaft nach dem Super-GAU von Tschernobyl 1986. Die Subventionen der Atomkraft lägen laut Studie noch weitaus höher, wenn die externen Kosten miteinbezogen würden. Diese sind besonders im Hinblick auf die unvorstellbaren Folgen und Kosten eines nuklearen Unfalls sehr hoch, aber nicht exakt zu berechnen. Würden bei Atomkraftwerken die gleichen Haftungsregeln gelten wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen, wäre Atomstrom um bis zu 2,70 Euro pro kWh teurer – und damit weder bezahlbar noch wettbewerbsfähig. Schon heute steht fest, dass die Atomkraft weitere Kosten von mindestens 100 Milliarden Euro verursachen wird: Die maroden Atommülllager Asse und Morsleben müssen saniert werden, Stilllegung, Rückbau und Entsorgung der Atomkraftwerke werden fällig. Was hier tatsächlich auf die Bürger zukommt, ist noch kaum zu beziffern.

http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/atomkraft_mit_304_milliarden_euro_subventioniert/

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Tepco-Aktie

Susanne Gerber
15.06.2011
Drei Monate nach Katastrophe im den KernkraftwerkenFukushima hat die Regierung in Tokio am Dienstag einen milliardenschweren Rettungsplan für die Betreiberfirma Tepco beschlossen. Ein Fonds, in den neben dem Staat auch andere Energiekonzerne einzahlen sollen, soll Tepco helfen, die mehr als 85 000 Opfer des Atomunfalls entschädigen zu können. Das Parlament muss den Rettungsplan billigen. Die Regierung hatte ihre Pläne für den Fonds bereits im Mai öffentlich gemacht. Damals hieß es, der Fonds solle umgerechnet fünf Billionen Yen (43 Milliarden Euro) umfassen. Analysten hatten allein die Entschädigungszahlungen für die Opfer auf umgerechnet etwa 86 Milliarden Euro geschätzt. Hinzu kommen Kosten für den Ausfall der Atomreaktoren und den Kauf von Erdöl für den Betrieb von Elektrizitätswerken als Ersatz.
Nach dem Beschluss des Kabinetts stieg der Kurs der Tepco-Aktie um mehr als 25 Prozent. Seit der Atomkatastrophe am 11. März war er um fast 90 Prozent abgestürzt.

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Kernkraft in verschiedenen Ländern

Susanne Gerber

11.06.2011

China

Angesichts der Katastrophe in Japan überdenkt China nun doch sein Atomprogramm. Die Genehmigung neuer Kernkraftwerke werde vorübergehend ausgesetzt. Zunächst müssten alle Sicherheitsfragen geklärt werden. Alle bestehenden Anlagen liefen aber weiter und seien sicher. Kein anderes Land der Welt baut und plant so viele Reaktoren wie China. Gemäß dem gerade beschlossenen Fünfjahresplan soll die Kapazität bis 2015 von 10,8 auf 40 Gigawatt erhöht werden. Bis 2020 sind 80 Gigawatt vorgesehen. Von den 65 auf der Welt im Bau befindlichen Atommeilern entstehen 27 in China, vor allem an den Küsten, wo der meiste Strom benötigt wird. Sie werden jetzt alle überprüft. In der Vergangenheit hat es vereinzelt Warnungen vor den Gefahren von Naturkatastrophen für die Sicherheit gegeben, insbesondere von Erdbeben. Auch gilt die Endlagerung als ungelöst. Im Kraftwerk Daya Bay in der Nähe von Hongkong zeigten sich kürzlich zwei kleinere Lecks. China baut seit den achtziger Jahren Kernkraftwerke, begonnen wurde mit einer Eigenentwicklung aus dem Atomwaffenprogramm heraus. Die meisten Anlagen entstehen mit ausländischer Technik. Inzwischen plant Chinas Atomindustrie aber ebenfalls Exporte, als erstes nach Pakistan.

USA

Die Ereignisse in Japan haben auch in den Vereinigten Staaten eine Debatte um Atomkraft ausgelöst. Bislang trieb die Regierung des Präsidenten Barack Obama die Rückkehr zur Kernenergie mit Kreditgarantien für den Bau neuer Anlagen voran. Inzwischen fordern einige Politiker ein Moratorium für neue Kernkraftwerke. In den Vereinigten Staaten sind insgesamt 104 Kernreaktoren in Betrieb, die rund ein Fünftel des landesweiten Stromverbrauchs abdecken. Die Anlagen sind über 31 Bundesstaaten verteilt, auch in dem besonders für Erdbeben anfälligen Westküstenstaat Kalifornien gibt es zwei Kernkraftwerke mit jeweils zwei Reaktoren. Die kalifornischen Anlagen gehören zu der Mehrzahl der amerikanischen Kernkraftwerke, die sogenannte Druckwasser-Reaktoren sind. Es finden sich in Amerika aber auch mehrere Dutzend Siedewasser-Reaktoren nach dem Muster des japanischen Kraftwerks Fukushima Daiichi. Auch in Kalifornien gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Diskussionen um die Anfälligkeit der beiden Reaktoren im Falle eines Erdbebens. Der Bundesstaat hat schon 1976 mit einem Moratorium dem Bau neuer Anlagen einen Riegel vorgeschoben. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden heutigen Anlagen schon im Bau. Die amerikanischen Reaktoren sind alle ziemlich alt, seit mehr als drei Jahrzehnten ist kein Grundstein mehr für ein neues Atomkraftwerk gelegt worden. Dieser Stillstand hat maßgeblich mit dem Unfall im Kraftwerk „Three Mile Island“ im Bundesstaat Pennsylvania im Jahr 1979 zu tun, wo es zu einer teilweisen Kernschmelze kam. Danach wurde eine Reihe von Aufträgen für neue Werke vorerst gestrichen. In den vergangenen Jahren haben aber amerikanische Politiker aus allen Lagern die Atomkraft wiederentdeckt und argumentiert, sie verursache weniger Treibhausgase und sichere zudem die Energieversorgung aus heimischer Produktion.

Großbritannien

Während nach der Atomkatastrophe von Fukushima in vielen Ländern die Debatte über die Zukunft der Kernkraft neu entbrannt ist, kann davon in Großbritannien keine Rede sein. Obwohl die Regierung in London eines der ehrgeizigsten Atomprogramme in Europa angekündigt hat – mögliche Konsequenzen des Kernkraftdramas am anderen Ende der Welt für die eigene Energiepolitik diskutieren die Briten bisher fast gar nicht. Weder Regierungsmitglieder noch führende Oppositionspolitiker haben seit dem Wochenende einen Ausstieg aus der Atomenergie gefordert. Auch in Zeitungen und im Fernsehen wurde eine mögliche britische Atomwende in den Tagen nach der Katastrophe praktisch nicht thematisiert. Energieminister Chris Huhne versucht stattdessen zu beruhigen: Das Unglück in Japan werde zwar „extrem ernst“ genommen, aber es gebe keinen Grund, ein ähnlich starkes Erdbeben in Großbritannien zu befürchten. Der Minister gab einen Untersuchungsbericht in Auftrag, der mögliche Konsequenzen für bestehende und zukünftige Reaktoren aufzeigen soll. Geplant sind in Großbritannien viele neue Atomkraftwerke. Die beiden großen Parteien im Land stimmen bislang darin überein, dass die Atomkraft neben der Windenergie eine Schlüsselrolle im Klimaschutz spielen soll. Im vergangenen Oktober hat die Regierung eine Liste mit acht Standorten für neue Kernkraftwerke veröffentlicht, die meisten davon in der Nähe bestehender Atomanlagen. Das erste soll im Jahr 2018 eröffnet werden. Auch Eon und RWE mischen mit: Gemeinsam wollen die beiden deutschen Energieriesen in Großbritannien mehrere neue Atomkraftwerke bauen. Bisher ist die Kernkraft auf der Insel nach Erdgas und Kohle die drittwichtigste Quelle für die Stromerzeugung. Sie steuert 18 Prozent des Stroms bei und damit etwas weniger als in Deutschland. Neue Meiler sollen helfen, die drohenden Versorgungslücken im Energiesektor zu schließen, denn viele alte Kern- und Kohlekraftwerke stehen vor der Schließung. Schon vor drei Jahren rief der damalige Premierminister Gordon Brown eine „Renaissance der Atomkraft“ aus – und das ist bis heute eine Leitlinie der britischen Energiepolitik.

Niederlande

Die niederländische Regierung hält an ihren Plänen zum Ausbau der Kernenergie fest. „Die Niederlande verfolgen die Geschehnisse mit den japanischen Kernkraftwerken sehr aufmerksam“, erklärte Wirtschaftsminister Maxime Verhagen in Den Haag. Der christlich-demokratische Politiker kündigte an, dass die in Japan jetzt gesammelten Erfahrungen „selbstverständlich“ bei der Genehmigung für den geplanten Bau neuer Anlagen berücksichtigt werden sollten. Verhagen ließ aber keinen Zweifel an der Absicht, eine Baugenehmigung zu erteilen, so dass die Niederlande von 2018 an über eine zweite Kernenergieanlage verfügen könnten. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie im südwestniederländischen Borssele entstehen soll. Dort befindet sich das derzeit einzige Kernkraftwerk des Landes. Die Laufzeit der 1973 in Betrieb gegangenen Anlage war 2006 von der Mitte-Rechts-Regierung um 20 Jahre bis 2033 verlängert worden. Interesse an dem Bau der rund 4 Milliarden Euro teuren neuen Anlage haben der Borssele-Betreiber Delta sowie der deutsche Energiekonzern RWE bekundet. Das unweit der Scheldemündung gelegene Kraftwerk soll nach Angaben des Wirtschaftsministeriums gegen Erdbeben der Stärke 5,2 sowie einen Wasserstand von 7,30 Meter über dem Meeresspiegel beständig sein. Bei der Sturmflut von 1953, als in der Region fast 2000 Menschen ums Leben gekommen waren, sei ein Pegel von 4,55 Meter gemessen worden. Im Jahr 1687 solle es in der Region ein Erdbeben der Stärke 3,1 gegeben haben. Nach jetzt vom öffentlichen niederländischen Hörfunksender „Radio Nederland“ veröffentlichten Ergebnissen einer Meinungsumfrage hat sich der Anteil der Kernkraftgegner in den Niederlanden unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan um 4 Prozentpunkte auf 51 Prozent erhöht.

Schweiz

In der Schweiz hat die zuständige Energie- und Umweltministerin Doris Leuthard die Verfahren zu drei Rahmenbewilligungsanträgen für neue Kernkraftwerke gestoppt. Im Gegensatz zu Deutschland will die Eidgenossenschaft auch langfristig die Kernenergie zur Stromversorgung nutzen. Nach den Ereignissen in Japan verlangt die Regierung in Bern nun aber vertiefte Untersuchungen zur Erdbebensicherheit und Kühlung der Reaktoren. Atomkraftwerke könnten in der Schweiz Erdbeben bis zu einer Stärke von 7 widerstehen, sagte Leuthard, die selbst eine Befürworterin der Kernenergienutzung ist. Außerdem wird künftig das Inspektorat für Nukleare Sicherheit täglich einen Lagebericht im Internet veröffentlichen. Die bürgerlichen Parteien SVP und FDP nannten am Montag den Regierungsbeschluss überhastet. Leuthards CVP hatte sich bisher für die Atomenergie ausgesprochen, wohingegen Sozialdemokraten, Grüne und Grünliberale strikt dagegen sind. Die Schweiz will drei der bestehenden fünf Kernkraftwerke von 2025 an durch maximal zwei neue ersetzen. Die heutige Leistung von 1140 Megawatt (MW) könnte durch bis zu 3200 MW mehr als aufgefangen werden. Die vorläufig drei Rahmengesuche der Stromversorger beziehen sich auf die bestehenden Standorte Mühleberg (Kanton Bern), Gösgen (Kanton Solothurn) und Beznau (Aargau). Neben den behördlichen Genehmigungen kommt es zu zahlreichen Volksabstimmungen, die allerdings meist nur konsultativen Charakter haben. Sie werfen indes ein Schlaglicht auf die Akzeptanz der Atomkraft im Land, die kaum gegen klare Mehrheiten in der Bevölkerung durchzudrücken wäre. In einer solchen Konsultativabstimmung hatten die Einwohner des Kantons Bern Mitte Februar mit 51,2 Prozent nur knapp für ein neues Kernkraftwerk in Mühleberg gestimmt.Nach den bisherigen Plänen sollen 2012 Regierung und Parlament endgültig über die neuen Standorte entscheiden. Für das Jahr danach wird eine Volksabstimmung aller Schweizer erwartet. Die Städte Zürich, Bern, Basel und St. Gallen haben sich für den Ausstieg entschieden. Der Kanton Nidwalden votierte im Februar mit 80 Prozent gegen ein Endlager für radioaktive Abfälle. Die Schweiz vertraut gegenwärtig zu etwa 40 Prozent auf Kernkraft. Der Anteil erneuerbarer Energien, in erster Linie Wasserkraft, beträgt knapp 20 Prozent.

Türkei

Von einem „historischen Moment“ war in der türkischen Presse die Rede, als während eines Besuchs des russischen Präsident Dmitrij Medwedjew im Mai vergangenen Jahres das Abkommen zum Bau des ersten Atomkraftwerks der Türkei unterzeichnet wurde. Aus der Regierung Erdogan hieß es damals, für die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei sei das Projekt unverzichtbar, das von einem Konsortium unter Führung des russischen Staatskonzerns Atomstrojexport gebaut werden soll. Schließlich wachsen Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl des Landes seit Jahren mit in Europa ungekannter Geschwindigkeit. Damit aber steigt auch der Energiebedarf des Landes. Zwei Monate nach Medwedjews Besuch, im Juli 2010, billigte auch das türkische Parlament in Ankara den Bau des Kraftwerks in der Provinz Mersin an der türkischen Mittelmeerküste. Knapp 16 Milliarden Euro wird das Vorhaben nach vorläufigen Berechnungen kosten. Ein weiteres Atomkraftwerk soll am nördlichsten Punkt der türkischen Schwarzmeerküste bei Sinop, ein drittes auf dem europäischen Kontinent entstehen, in der Provinz Tekirdag. Gegner des Vorhabens laufen seit Jahren gegen die Pläne Sturm, wobei sie nicht nur grundsätzliche Einwände gegen die Unbeherrschbarkeit der Atomkraft vorbringen, wie man sie auch aus anderen Ländern kennt. Die türkischen Atomkraftgegner weisen vor allem auf die spezielle Lage des Landes hin: Die Türkei ist eines der am stärksten von Erdbeben heimgesuchten Länder der Erde. In den kommenden Jahren oder Jahrzehnten, dafür haben Seismologen viele Anhaltspunkte, wird unter anderem Istanbul von einem Erdbeben heimgesucht werden, das aufgrund der schlechten Bauweise vieler Gebäude in der Zwölfmillionenmetropole vermutlich viele tausend Menschen das Leben kosten wird. Das Epizentrum der kommenden Stöße wird irgendwo südlich von Istanbul liegen, im Marmarameer, durch das sich parallel zur Küste ein 1200 Meter tiefer Graben zieht. Durch ein Seebeben droht an diesem Unterwassergraben eine gewaltige Rutschung, als deren Folge sich eine Flutwelle von bis zu 20 Metern Höhe auf die Millionenmetropole zuwälzen könnte. Ein Atomkraftwerk in Tekirdag könnte davon direkt betroffen sein. Auch die anderen beiden Standorte gelten als erdbebengefährdet. Dennoch hält die türkische Regierung an ihren Atomplänen fest. Als Antwort auf die in den vergangenen Tagen wieder lauter gewordenen Zweifel daran hat der türkische Energieminister Taner Yildiz nun verkündet, sein Land werde „die neueste Technologie“ einsetzen, während die in Japan betroffenen Anlagen aus den frühen siebziger Jahren stammten. „Wir sind entschlossen, unsere Atomkraftwerksprojekte in der Türkei fortzusetzen“, sagte Yildiz nach Gesprächen mit Fachleuten der türkischen Atomenergiebehörde Taek. Spätestens im Jahr 2023, zum hundertsten Jubiläum der Republiksgründung durch Atatürk, sollen zwei der drei Atomkraftwerke betriebsbereit sein. Während die Russen am Mittelmeer bauen sollen, laufen für den Bau des Atomkraftwerks an der Schwarzmeerküste derzeit Verhandlungen mit japanischen Anbietern. Zuvor waren Gespräche mit Südkorea gescheitert.

Frankreich
Französische Hoffnungen auf eine höhere Wertschätzung der einheimischen Nuklearindustrie im Nachgang der japanischen Atomkrise sind am Montag an der Börse enttäuscht worden. Der weltgrößte Kraftwerkshersteller Areva verlor in Paris zeitweise fast zehn Prozent an Wert. Der französische Stromproduzent EdF, der mit seinen 58 Kernkraftwerken mehr auf Atomkraft setzt als alle anderen Konkurrenten der Welt, erlitt bis zum Nachmittag Einbußen von fast 5 Prozent oder rund 2,8 Milliarden Euro. „Die nukleare Renaissance wird sich wahrscheinlich verzögern“, sagt Per Lekander, Branchenanalyst bei UBS in Paris, voraus. Am Vorabend hatte der französische Präsidentenberater Henri Guaino im Fernsehen noch seine Zuversicht geäußert, dass Frankreichs Erfahrung, Wissen und seine moderne Technologie künftig besonders gefragt sein könnten. Doch die nun losgetretenen Debatten über die Zukunft der Atomindustrie – auch im ansonsten eher nuklearfreundlichen Frankreich – verunsicherten die Anleger. Auch Areva, EdF und GDF Suez hielten sich mit Stellungnahmen auffallend zurück. „Wir wollen die Lage erst genau verstehen“, sagte eine EdF-Sprecherin. Die Hoffnung auf ein Comeback der Nuklearindustrie war bis zum japanischen Beben groß gewesen. Die Zahl der sich weltweit im Bau befindlichen Atomkraftwerke könne bis 2018 von 65 auf 110 steigen, schätzte etwa Ben Alias, Analyst beim amerikanischen Brokerhaus Sterne Agee. In Europa hatten mindestens elf Länder ihre Bereitschaft zum Bau neuer Nuklearreaktoren signalisiert oder machten sich schon an die Arbeit (Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, Litauen, Rumänien, Bulgarien, Tschechische Republik, Niederlande, Schweden und Finnland). Nun aber herrscht in der Branche große Skepsis vor. Immer wieder hat die Nuklearindustrie die Sicherheit ihrer Anlagen beschworen, und jetzt droht selbst im Hochtechnologieland Japan eine atomare Katastrophe. Vor allem in Ländern wie Italien und Großbritannien sei ein Kurswechsel möglich, vermutet Analyst Lekander. Frankreichs Ausrüster könnte dies zu einer strategischen Neuausrichtung zwingen. Areva und EdF haben sich vom Export ihrer Technik viel versprochen. Weltweit bieten die französischen Hersteller ihre Kraftwerke samt Wartung an. Präsident Sarkozy hatte sich 2007 selbst für einen Verkauf des von Areva und Siemens entwickelten Reaktors EPR-3 an Libyen eingesetzt. Nun beginnt aber das Zurückrudern: „Zehn bis fünfzehn Jahre braucht ein Land, um über die angemessene Infrastruktur, den Rechtsrahmen und eine Sicherheitskultur zu verfügen“, sagte der Präsident der französischen Behörde für Nuklearsicherheit (ASN), André-Claude Lacoste, in einem Interview. „Wenn Frankreich irgendwo seine Fahne hisst, wo es nicht ausreichende Sicherheitsgarantien gibt, dann wird die ASN öffentlich protestieren“, kündigt er an. Frankreich betreibt 58 Reaktoren an 19 Standorten. Das älteste Kraftwerk ist Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze, es ist Atomkraftgegnern ein besonderer Dorn im Auge. Das seit 1977 laufende Kraftwerk liegt in einem Erdbebengebiet.

Italien

Zum zweiten Mal steht Italien vor einer mit Emotionen geladenen Volksabstimmung über die Kernkraft kurz nach einer Katastrophe. Im Jahr 1987 platzte in die Diskussion vor einer Volksabstimmung die Katastrophe von Tschernobyl. Nun könnte sich wieder eine ähnliche Situation ergeben. Denn schon vor dem Erdbeben und den Kraftwerksunfällen in Japan war für Mitte Juni eine Volksabstimmung unter anderem über die geplante Rückkehr Italiens zur Kernkraft angesetzt worden. Die Bilder aus Japan haben nun neue Emotionen in eine bisher dröge Debatte gebracht. Dabei hatte die Regierung von Silvio Berlusconi alles getan, um die Beteiligung an der Volksabstimmung niedrig zu halten. Statt am Sonntag der Kommunalwahlen im Mai soll das Referendum getrennt davon im Juni stattfinden. Damit konnte die Regierung damit rechnen, dass viele Italiener das Wochenende am Meer verbringen würden und damit nicht das Quorum von 50 Prozent Wahlbeteiligung erreicht würde, das Voraussetzung ist, um dem Abstimmungsergebnis auch bindende Wirkung zu verleihen. Nun kommt Leben in die Debatte, die nun die Italiener auf jeden Fall zu den Wahlurnen der Abstimmung treiben könnte. Kernkraftgegner und Protestparteien können damit rechnen, dass die von ihnen betriebenen Referenden ernster genommen werden.Die italienische Verfassung gibt der Bevölkerung die Möglichkeit, ein Gesetz des Parlaments per Volksabstimmung zu annullieren. Dazu müssen 500.000 Unterschriften gesammelt werden, zudem ist eine formelle Zustimmung des Verfassungsgerichts nötig. Im Visier der Kernkraftgegner ist nun unter anderem ein Gesetz aus dem Jahr 2009, das der Wiedereinführung der Kernkraft in Italien den Weg bahnen sollte. Auch mit einer Annullierung würde der Weg zum Bau von Kraftwerken rein rechtlich nicht endgültig blockiert, doch würde dafür dann die politische Legitimation fehlen, ähnlich wie 1987, als in der Volksabstimmung nur eine Regel für die Genehmigung von Kernkraftwerken gekippt wurde, die damalige Regierung aber das Votum als eine generelle Ablehnung der Kernkraft interpretierte. Die Stilllegung von drei kleinen und einem neun Jahre alten großen Kraftwerk, sowie die Aufgabe eines fast fertiggestellten Kraftwerkes bei Rom kosteten Italien rund 10 Milliarden Euro, die auf die Strompreise umgelegt wurden. In den vergangenen Jahrzehnten importierte Italien rund 15 Prozent seines Stroms aus Kernkraftwerken Frankreichs und der Schweiz. Der frühere Chef des Stromversorgers Enel, Franco Tatò, kommentierte den Umstand mit den Worten: „Wir haben in Frankreich inzwischen ein paar Atomkraftwerke finanziert“. Die Regierung und die Wirtschaft erhofften sich bisher von der Kernenergie eine Senkung des überdurchschnittlich hohen Preisniveaus für Strom. Zudem sollte Italien unabhängiger werden von Gaslieferungen, von der im Moment fast die Hälfte der Stromproduktion abhängt. Derzeit hält die Regierung Berlusconi noch immer an den Kernkraftplänen fest und schimpft, die Kernkraftgegner benähmen sich wie „Schakale“. Die wiederum sagen, sie hätten offenbar in weiser Voraussicht gehandelt.

Russland

Das Vertrauen der russischen Führung in die Kernenergie bleibt unerschütterlich. Zwar beauftragte der russische Ministerpräsident Wladimir Putin am Dienstag aufgrund der Katastrophe in Japan das russische Staatsunternehmen Rosatom und die Ministerien für Naturnutzung und Energiewirtschaft, die Situation in der russischen Atomenergiebranche zu überprüfen. Am Montag hatte er jedoch gesagt, die Pläne für das Kernenergieprogramm des Landes würden nicht geändert. Natürlich würden aber Lehren aus den Ereignissen in Japan gezogen. Putin betonte am Dienstag zudem, dass das geplante Atomkraftwerk in Weißrussland, mit dessen Bau Rosatom im September beginnen möchte, sicherer sei als die betroffenen japanischen Reaktoren. Die russische Führung setzt weiterhin auf Nuklearenergie als Exportschlager. Das Atomenergieprogramm für Russland ist ehrgeizig: Die russische Regierung möchte den Anteil der Atomenergie am Energie-Mix von derzeit rund 16 Prozent auf mindestens 25 Prozent im Jahr 2030 steigern. Bis dahin sollen 26 neue Atomanlagen gebaut werden. Derzeit sind Kernreaktoren mit einer Gesamtkapazität von 24,2 Gigawatt in Betrieb. Ehrgeizig sind auch die Pläne fürs Ausland: Mitte Januar sagte Rosatom-Generaldirektor Sergei Kirijenko, die Staatskorporation wolle 30 Kernreaktoren im Ausland bauen. Die eindrucksvollen Pläne zeigen, dass die russische Atomindustrie vor den Katastrophenmeldungen aus Japan dabei war, das sogenannte Tschernobyl-Syndrom abzulegen. Russland nutzte die in den vergangenen Jahren feststellbare Atom-Renaissance, um die Atomindustrie neu zu positionieren. Im Jahr 2007 wurde die staatliche Atomenergie-Holding Rosatom gegründet, die aus dem früheren Ministerium für Kernenergie entstanden ist. Ihre Aufgaben sind mannigfaltig: Sie betreibt die Atomkraftwerke, kümmert sich um das stabile Funktionieren der Kernenergie und ist für die Sicherheit zuständig. Rosatom untersteht auch der zivile und militärische Produktionskomplex. Die Kernenergie wurde von der russischen Regierung als ein „strategischer“ Wirtschaftssektor eingestuft. Die Förderung der Atomindustrie gilt als ein Pfeiler zur Modernisierung der russischen Wirtschaft.

http://www.faz.net/artikel/S30770/atomindustrie-wie-die-welt-mit-der-kernkraft-umgeht-30330536.html

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Erbeben oder Tsunami? IAEA zu Fukushima

Susanne Gerber

01.06.2011

Die 18 Inspektoren der IAEA haben zehn Tage lang in Japan untersucht, wie die Atomkatastrophe zustande kommen konnte und geben in ihrem vorläufigen Bericht Handlungsempfehlungen. Japan hat nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die Tsunami-Gefahr für das Küstengebiet am Atomkraftwerk Fukushima unterschätzt. Das geht aus dem Entwurf eines Berichts hervor, den ein IAEA-Team jetzt der japanischen Regierung überreicht hat. Der vollständige Bericht der Kommission soll auf einer Konferenz in Wien Ende Juni vorgestellt werden. Die Tsunami-Gefahr für mehrere AKW-Standorte sei falsch eingeschätzt worden, erklärten die IAEA-Experten. Die Planer und Betreiber von Atomkraftwerken müssten die Risiken durch Naturkatastrophen besser abschätzen und die Anlagen entsprechend schützen. Die Sicherheitsvorkehrungen der Atomkraftwerke müssten zudem so effektiv und robust sein, dass sie nach einem schweren Unfall „rechtzeitig“ in Gang gesetzt werden könnten. Von der Regierung in Tokio verlangten die 18 Experten aus zwölf Ländern nach ihrer einwöchigen Untersuchung, die Unabhängigkeit der japanischen Atomaufsicht zu verbessern. Die Reaktion der Regierung auf die Atomkatastrophe bezeichneten sie zugleich aber als „vorbildlich“.

http://www.tagesschau.de/ausland/fukushima518.html

Ursache des AKW Unfalls und die entstandenen Schäden

Der Tsunami, der Mitte März durch ein schweres Beben ausgelöst wurde, sei ganz offensichtlich die direkte Ursache für das Desaster von Fukushima, sagte Michael Weightman, der Chef des IAEA-Teams. Eines der Hauptversäumnisse war demzufolge, dass das Atomkraftwerk im Küstengebiet nicht durch höhere Mauern geschützt war. Die 14 Meter hohe Tsunami-Welle konnte durch die 5,7 Meter hohe Schutzmauer nicht aufgehalten werden. Das Wasser setzte die Notstrom-Generatoren aus – wodurch mehrere Kernschmelzen in Gang gesetzt wurden.

Diese Bewertung der IAEA  überrascht, steht sie doch im krassen Gegensatz zu anderen ernstzunehmenden Informationen. Eine Analyse des Energiekonzerns Tepco war, laut Süddeutscher Zeitung vom 1.6.2011, vor zwei Wochen zu einem anderen Ergebnis gekommen: Die Kernschmelze im AKW Fukushima-1 habe direkt nach dem Erdbeben begonnen. Schon allein das Beben der Särke 9 hatte Fukushima-1 schwer beschädigt. In der Untersuchung hatte der AKW-Betreiber Tepco eingeräumt, dass die Erdstöße zumindest Reaktorkern 1 leckgeschlagen hatten. Kühlwasser lief daraufhin aus, die Brennelemente lagen blank und heizten sich auf. Es dauerte nur 16 Stunden, dann waren 68 Tonnen hoch radioaktiven Kernbrennstoffs geschmolzen.  Tepco gab außerdem bekannt, dass die Reaktoren bei dem Beben stärker beschädigt wurden als zunächst angenommen. So wurden die Brennstäbe der Reaktoren 1, 2 und 3 bereits sechs bis 14 Stunden nach dem Beben nicht mehr gekühlt. Alles deutet darauf hin, dass die Kernschmelze in den aktiven Reaktoren schon kurz nach dem Erdbeben und vor der Flutwelle einsetzte – früher als bislang bekannt war. In der Greenpeace Presseerklärung vom 26.5.2011 steht „Innerhalb der ersten 24 Stunden des Unfalls hatte Tepco direkten Zugang zu Daten, welche die rasch ansteigenden Temperaturen im Druckbehälter sowie eine Kernschmelze offensichtlich machten. “ Obwohl diese Daten nicht veröffentlicht wurden, konnte der britische Nuklearingenieur Dr.John Large von Greenpeace die Kernschmelze in den Reaktoren 1-3 schon wenige Tage nach der Explosion nachweisen.

Kathastrophenmanagment

Lob gab es von der IAEA für den Umgang Japans mit der Krise – dieser sei „beispielhaft“ gewesen. Zugleich mahnte die Behörde aber laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo eine bessere Kommunikation an. „Wir sind hochbeeindruckt von der Hingabe der japanischen Arbeiter, die daran arbeiten, diesen beispiellosen Atomunfall zu überwinden“, sagte Weightman. Japans langfristig angelegte Rettungsaktion, einschließlich der Evakuierung der Gebiete um das AKW, sei ebenfalls „beeindruckend und gut organisiert“, urteilten die Experten aus zwölf Ländern.

Andererseits hatten Fukushima-Betreiber Tepco und die japanische Regierung  in den vergangenen Monaten wegen ihrer zögerlichen Informationspolitik immer wieder heftige Kritik ausgelöst – unter anderem hatte Greenpeace ihnen Betrug vorgeworfen und das auch belegt. „Schon wenige Stunden nach dem japanischen Erdbeben vom 11.März hat Tepco von den Kernschmelzen in Fukushima gewußt und die radioaktive Verseuchung seiner Angestellten, der umliegenden Regionen und des Meerwassers in Kauf genommen“. Die Betreibergesellschaft hat erst vergangene Woche zugegeben, dass es nicht nur in einem, sondern in drei Reaktoren zu einer Kernschmelze gekommen ist. Sie bestätigten damit viel früher getroffene Einschätzungen zahlreicher unabhängiger Experten. Sowohl das Unternehmen als auch die japanische Regierung waren bislang wegen ihres Umgangs mit der Katastrophe von verschiedensten Seiten heftig kritisiert worden. Um Tepco vor dem Konkurs zu bewahren, muss der Konzern mit umgerechnet 43 Mrd. Euro gestützt werden. Gegen Japans Ministerpräsident wurde  ein Misstrauensvotum erhoben.

Technische Konsequenzen

Die technischen Empfehlungen der IAEA lauten „Die Planer und Betreiber von Atomkraftwerken sollten die Risiken durch alle möglichen Naturkatastrophen besser abschätzen und entsprechende Schutzmaßnahmen einsetzen. Die Sicherheitsvorkehrungen der Atomkraftwerke müssten zudem so effektiv und robust sein, dass sie nach einem schweren Unfall rechtzeitig in Gang gesetzt werden könnten.“ Wenn hier von allen Risiken durch Naturkatastrophen gesprochen wird, steht in einem Land wie Japan, aber auch in Europa und den USA, die Gefahr durch Erdbeben nach jüngsten Erfahrungen an erster Stelle. Atommeiler in Erdbebengebieten können nicht durch hohe Mauern und gesicherte Kühlssysteme geschützt werden. Hier sind tatsächlich neue Bewertungen und Konsequenzen nötig.

Politische Lehren

Im Bericht sprach sich das Team der IAEA für die Schaffung einer unabhängigen Atomaufsicht aus. In Japan wurde die Atomaufsichtsbehörde kritisiert, weil sie Teil des Wirtschaftsministeriums ist, das deutlich für Kernenergie wirbt. Geht es hierbei um die Unahängigkeit der Atomaufsicht vom Staat oder von industriellen Interessengruppen? Die Unabhängigeit einer Atomaufsicht vom Militär? Wer soll eine Atomaufsicht in wessen Interesse unabhängig leisten? Ist die IAEA eine solche unabhängige Institution und was hat sie für Perspektiven?

Was ist die IAEA?

Die Internationale Atom Energie Organisation (IAEO, International Atomic Energy Agency, IAEA) ist eine autonome wissenschaftlich-technische Organisation, die innerhalb des Systems der Vereinten Nationen einen besonderen Status innehat. Die IAEO ist keine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, sondern mit diesen vielmehr durch ein separates Abkommen verbunden. Sie berichtet regelmäßig der Gereralversammlung der UN und darüber hinaus dem UN Sicherheitsrat, wenn sie eine Gefährdung der internationalen Sicherheit feststellt. Die IAEO soll laut Satzung „den Beitrag der Kernenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit beschleunigen und vergrößern“; sie soll also die Anwendung radioaktiver Stoffe und die internationale Zusammenarbeit hierbei fördern sowie die erweiterte militärische Nutzung dieser Technologie durch Überwachungsmaßnahmen verhindern.

Es gibt die Kritik die IAEO sei in einer Zeit entstanden, als man Atomstrom „als Lösung aller Menschheitsfragen“ betrachtet habe. Sie habe ihre Haltung auch nach Tschernobyl 1986 kaum geändert; das Hauptziel der Organisation, den Beitrag der Atomenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand zu vergrößern, ist unverändert. Das 1997 unter der Schirmherrschaft der IAEO geschlossene Atommüllabkommen sieht keinerlei Sanktionen vor. Über hundert IAEO-Mitgliedstaaten besitzen bis heute keine innerstaatlichen Sicherheitsstrukturen zur Kontrolle solcher Standards. Die IAEO hat noch 2004 damit gerechnet, dass der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromversorgung bis 2050 auf über 50 % steigen werde.

Am 1. Juli 2009 kritisierte die IPPNW, eine internationale atomkritische Ärzteorganisation, das seit 50 Jahren bestehende Abkommen der IAEO mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In diesem Abkommen übernimmt die IAEO die Hauptverantwortung für alle atomaren Forschungsprojekte. Dadurch behindere sie die WHO bei der Berichterstattung über Gesundheitsrisiken von Strahlung. Gesundheitsfolgen von Tschernobyl, Thema zweier größerer UN-Konferenzen, 1995 in Genf und 2001 in Kiew, sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht worden. Nach der Reaktorkatastrophe in Japan 2011 fordert die IPPNW die Kündigung des Abkommens zwischen WHO und IAEO. Die WHO wurde am 23. März 2011 aufgefordert, die Bevölkerung, insbesondere die japanische, ungeschönt und objektiv über die gesundheitlichen Risiken zu informieren und sich für die Evakuierung von Frauen, Kindern und schwangeren Frauen aus den betroffenen Gebieten einzusetzen. Die in Fukushima durchgeführten Strahlungsmessungen der IAEO stießen auf Kritik.

Michael Weightman

Mike Weightman

Mike Weightman is responsible for securing the nuclear safety and security of the civilian nuclear industry (nuclear power reactors, nuclear chemical sites, such as Sellafield and nuclear research sites), and the safety of the defence nuclear industry (refuelling of nuclear submarines and Atomic Weapons Establishments at Aldermaston, Burghfield etc).   He acts on behalf of UK Government at a variety of forums.

He chairs various international nuclear safety committees on behalf of OECD and EC, and is a member of a group of leading nuclear safety experts who advise the Director General of the IAEA on worldwide nuclear safety.

From May 2002 Mike also chaired the Investigation Board that oversaw the investigation into the Potters Bar rail tragedy.

Before 1988 Mike worked in the nuclear industry for 13 years fulfilling a number of management roles involved in research, operations and engineering projects.  He also acted as a consultant for a major engineering consultancy and for the American Institute of Chemical Engineers.

In a personal capacity Mike is a member of the IAEA International Nuclear Safety Advisory Group.

He is a Chartered Engineer and a Chartered Physicist.

Michael Weightman, Banri Kaieda Pictures & Photos

Michael Weightman, head of IAEA Investigation Team, said, „I have no concerns. We have full cooperation and access to information. Whatever questions we’ve asked, they have answered. No I haven’t done any analysis on that. We have just got here. We just started our discussions. We will come to our own views on the information that we seek and we will seek to learn these lessons on behalf of the world.“

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