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power – strom und macht

Kernkraft in verschiedenen Ländern

Susanne Gerber

11.06.2011

China

Angesichts der Katastrophe in Japan überdenkt China nun doch sein Atomprogramm. Die Genehmigung neuer Kernkraftwerke werde vorübergehend ausgesetzt. Zunächst müssten alle Sicherheitsfragen geklärt werden. Alle bestehenden Anlagen liefen aber weiter und seien sicher. Kein anderes Land der Welt baut und plant so viele Reaktoren wie China. Gemäß dem gerade beschlossenen Fünfjahresplan soll die Kapazität bis 2015 von 10,8 auf 40 Gigawatt erhöht werden. Bis 2020 sind 80 Gigawatt vorgesehen. Von den 65 auf der Welt im Bau befindlichen Atommeilern entstehen 27 in China, vor allem an den Küsten, wo der meiste Strom benötigt wird. Sie werden jetzt alle überprüft. In der Vergangenheit hat es vereinzelt Warnungen vor den Gefahren von Naturkatastrophen für die Sicherheit gegeben, insbesondere von Erdbeben. Auch gilt die Endlagerung als ungelöst. Im Kraftwerk Daya Bay in der Nähe von Hongkong zeigten sich kürzlich zwei kleinere Lecks. China baut seit den achtziger Jahren Kernkraftwerke, begonnen wurde mit einer Eigenentwicklung aus dem Atomwaffenprogramm heraus. Die meisten Anlagen entstehen mit ausländischer Technik. Inzwischen plant Chinas Atomindustrie aber ebenfalls Exporte, als erstes nach Pakistan.

USA

Die Ereignisse in Japan haben auch in den Vereinigten Staaten eine Debatte um Atomkraft ausgelöst. Bislang trieb die Regierung des Präsidenten Barack Obama die Rückkehr zur Kernenergie mit Kreditgarantien für den Bau neuer Anlagen voran. Inzwischen fordern einige Politiker ein Moratorium für neue Kernkraftwerke. In den Vereinigten Staaten sind insgesamt 104 Kernreaktoren in Betrieb, die rund ein Fünftel des landesweiten Stromverbrauchs abdecken. Die Anlagen sind über 31 Bundesstaaten verteilt, auch in dem besonders für Erdbeben anfälligen Westküstenstaat Kalifornien gibt es zwei Kernkraftwerke mit jeweils zwei Reaktoren. Die kalifornischen Anlagen gehören zu der Mehrzahl der amerikanischen Kernkraftwerke, die sogenannte Druckwasser-Reaktoren sind. Es finden sich in Amerika aber auch mehrere Dutzend Siedewasser-Reaktoren nach dem Muster des japanischen Kraftwerks Fukushima Daiichi. Auch in Kalifornien gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Diskussionen um die Anfälligkeit der beiden Reaktoren im Falle eines Erdbebens. Der Bundesstaat hat schon 1976 mit einem Moratorium dem Bau neuer Anlagen einen Riegel vorgeschoben. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden heutigen Anlagen schon im Bau. Die amerikanischen Reaktoren sind alle ziemlich alt, seit mehr als drei Jahrzehnten ist kein Grundstein mehr für ein neues Atomkraftwerk gelegt worden. Dieser Stillstand hat maßgeblich mit dem Unfall im Kraftwerk „Three Mile Island“ im Bundesstaat Pennsylvania im Jahr 1979 zu tun, wo es zu einer teilweisen Kernschmelze kam. Danach wurde eine Reihe von Aufträgen für neue Werke vorerst gestrichen. In den vergangenen Jahren haben aber amerikanische Politiker aus allen Lagern die Atomkraft wiederentdeckt und argumentiert, sie verursache weniger Treibhausgase und sichere zudem die Energieversorgung aus heimischer Produktion.

Großbritannien

Während nach der Atomkatastrophe von Fukushima in vielen Ländern die Debatte über die Zukunft der Kernkraft neu entbrannt ist, kann davon in Großbritannien keine Rede sein. Obwohl die Regierung in London eines der ehrgeizigsten Atomprogramme in Europa angekündigt hat – mögliche Konsequenzen des Kernkraftdramas am anderen Ende der Welt für die eigene Energiepolitik diskutieren die Briten bisher fast gar nicht. Weder Regierungsmitglieder noch führende Oppositionspolitiker haben seit dem Wochenende einen Ausstieg aus der Atomenergie gefordert. Auch in Zeitungen und im Fernsehen wurde eine mögliche britische Atomwende in den Tagen nach der Katastrophe praktisch nicht thematisiert. Energieminister Chris Huhne versucht stattdessen zu beruhigen: Das Unglück in Japan werde zwar „extrem ernst“ genommen, aber es gebe keinen Grund, ein ähnlich starkes Erdbeben in Großbritannien zu befürchten. Der Minister gab einen Untersuchungsbericht in Auftrag, der mögliche Konsequenzen für bestehende und zukünftige Reaktoren aufzeigen soll. Geplant sind in Großbritannien viele neue Atomkraftwerke. Die beiden großen Parteien im Land stimmen bislang darin überein, dass die Atomkraft neben der Windenergie eine Schlüsselrolle im Klimaschutz spielen soll. Im vergangenen Oktober hat die Regierung eine Liste mit acht Standorten für neue Kernkraftwerke veröffentlicht, die meisten davon in der Nähe bestehender Atomanlagen. Das erste soll im Jahr 2018 eröffnet werden. Auch Eon und RWE mischen mit: Gemeinsam wollen die beiden deutschen Energieriesen in Großbritannien mehrere neue Atomkraftwerke bauen. Bisher ist die Kernkraft auf der Insel nach Erdgas und Kohle die drittwichtigste Quelle für die Stromerzeugung. Sie steuert 18 Prozent des Stroms bei und damit etwas weniger als in Deutschland. Neue Meiler sollen helfen, die drohenden Versorgungslücken im Energiesektor zu schließen, denn viele alte Kern- und Kohlekraftwerke stehen vor der Schließung. Schon vor drei Jahren rief der damalige Premierminister Gordon Brown eine „Renaissance der Atomkraft“ aus – und das ist bis heute eine Leitlinie der britischen Energiepolitik.

Niederlande

Die niederländische Regierung hält an ihren Plänen zum Ausbau der Kernenergie fest. „Die Niederlande verfolgen die Geschehnisse mit den japanischen Kernkraftwerken sehr aufmerksam“, erklärte Wirtschaftsminister Maxime Verhagen in Den Haag. Der christlich-demokratische Politiker kündigte an, dass die in Japan jetzt gesammelten Erfahrungen „selbstverständlich“ bei der Genehmigung für den geplanten Bau neuer Anlagen berücksichtigt werden sollten. Verhagen ließ aber keinen Zweifel an der Absicht, eine Baugenehmigung zu erteilen, so dass die Niederlande von 2018 an über eine zweite Kernenergieanlage verfügen könnten. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie im südwestniederländischen Borssele entstehen soll. Dort befindet sich das derzeit einzige Kernkraftwerk des Landes. Die Laufzeit der 1973 in Betrieb gegangenen Anlage war 2006 von der Mitte-Rechts-Regierung um 20 Jahre bis 2033 verlängert worden. Interesse an dem Bau der rund 4 Milliarden Euro teuren neuen Anlage haben der Borssele-Betreiber Delta sowie der deutsche Energiekonzern RWE bekundet. Das unweit der Scheldemündung gelegene Kraftwerk soll nach Angaben des Wirtschaftsministeriums gegen Erdbeben der Stärke 5,2 sowie einen Wasserstand von 7,30 Meter über dem Meeresspiegel beständig sein. Bei der Sturmflut von 1953, als in der Region fast 2000 Menschen ums Leben gekommen waren, sei ein Pegel von 4,55 Meter gemessen worden. Im Jahr 1687 solle es in der Region ein Erdbeben der Stärke 3,1 gegeben haben. Nach jetzt vom öffentlichen niederländischen Hörfunksender „Radio Nederland“ veröffentlichten Ergebnissen einer Meinungsumfrage hat sich der Anteil der Kernkraftgegner in den Niederlanden unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan um 4 Prozentpunkte auf 51 Prozent erhöht.

Schweiz

In der Schweiz hat die zuständige Energie- und Umweltministerin Doris Leuthard die Verfahren zu drei Rahmenbewilligungsanträgen für neue Kernkraftwerke gestoppt. Im Gegensatz zu Deutschland will die Eidgenossenschaft auch langfristig die Kernenergie zur Stromversorgung nutzen. Nach den Ereignissen in Japan verlangt die Regierung in Bern nun aber vertiefte Untersuchungen zur Erdbebensicherheit und Kühlung der Reaktoren. Atomkraftwerke könnten in der Schweiz Erdbeben bis zu einer Stärke von 7 widerstehen, sagte Leuthard, die selbst eine Befürworterin der Kernenergienutzung ist. Außerdem wird künftig das Inspektorat für Nukleare Sicherheit täglich einen Lagebericht im Internet veröffentlichen. Die bürgerlichen Parteien SVP und FDP nannten am Montag den Regierungsbeschluss überhastet. Leuthards CVP hatte sich bisher für die Atomenergie ausgesprochen, wohingegen Sozialdemokraten, Grüne und Grünliberale strikt dagegen sind. Die Schweiz will drei der bestehenden fünf Kernkraftwerke von 2025 an durch maximal zwei neue ersetzen. Die heutige Leistung von 1140 Megawatt (MW) könnte durch bis zu 3200 MW mehr als aufgefangen werden. Die vorläufig drei Rahmengesuche der Stromversorger beziehen sich auf die bestehenden Standorte Mühleberg (Kanton Bern), Gösgen (Kanton Solothurn) und Beznau (Aargau). Neben den behördlichen Genehmigungen kommt es zu zahlreichen Volksabstimmungen, die allerdings meist nur konsultativen Charakter haben. Sie werfen indes ein Schlaglicht auf die Akzeptanz der Atomkraft im Land, die kaum gegen klare Mehrheiten in der Bevölkerung durchzudrücken wäre. In einer solchen Konsultativabstimmung hatten die Einwohner des Kantons Bern Mitte Februar mit 51,2 Prozent nur knapp für ein neues Kernkraftwerk in Mühleberg gestimmt.Nach den bisherigen Plänen sollen 2012 Regierung und Parlament endgültig über die neuen Standorte entscheiden. Für das Jahr danach wird eine Volksabstimmung aller Schweizer erwartet. Die Städte Zürich, Bern, Basel und St. Gallen haben sich für den Ausstieg entschieden. Der Kanton Nidwalden votierte im Februar mit 80 Prozent gegen ein Endlager für radioaktive Abfälle. Die Schweiz vertraut gegenwärtig zu etwa 40 Prozent auf Kernkraft. Der Anteil erneuerbarer Energien, in erster Linie Wasserkraft, beträgt knapp 20 Prozent.

Türkei

Von einem „historischen Moment“ war in der türkischen Presse die Rede, als während eines Besuchs des russischen Präsident Dmitrij Medwedjew im Mai vergangenen Jahres das Abkommen zum Bau des ersten Atomkraftwerks der Türkei unterzeichnet wurde. Aus der Regierung Erdogan hieß es damals, für die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei sei das Projekt unverzichtbar, das von einem Konsortium unter Führung des russischen Staatskonzerns Atomstrojexport gebaut werden soll. Schließlich wachsen Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl des Landes seit Jahren mit in Europa ungekannter Geschwindigkeit. Damit aber steigt auch der Energiebedarf des Landes. Zwei Monate nach Medwedjews Besuch, im Juli 2010, billigte auch das türkische Parlament in Ankara den Bau des Kraftwerks in der Provinz Mersin an der türkischen Mittelmeerküste. Knapp 16 Milliarden Euro wird das Vorhaben nach vorläufigen Berechnungen kosten. Ein weiteres Atomkraftwerk soll am nördlichsten Punkt der türkischen Schwarzmeerküste bei Sinop, ein drittes auf dem europäischen Kontinent entstehen, in der Provinz Tekirdag. Gegner des Vorhabens laufen seit Jahren gegen die Pläne Sturm, wobei sie nicht nur grundsätzliche Einwände gegen die Unbeherrschbarkeit der Atomkraft vorbringen, wie man sie auch aus anderen Ländern kennt. Die türkischen Atomkraftgegner weisen vor allem auf die spezielle Lage des Landes hin: Die Türkei ist eines der am stärksten von Erdbeben heimgesuchten Länder der Erde. In den kommenden Jahren oder Jahrzehnten, dafür haben Seismologen viele Anhaltspunkte, wird unter anderem Istanbul von einem Erdbeben heimgesucht werden, das aufgrund der schlechten Bauweise vieler Gebäude in der Zwölfmillionenmetropole vermutlich viele tausend Menschen das Leben kosten wird. Das Epizentrum der kommenden Stöße wird irgendwo südlich von Istanbul liegen, im Marmarameer, durch das sich parallel zur Küste ein 1200 Meter tiefer Graben zieht. Durch ein Seebeben droht an diesem Unterwassergraben eine gewaltige Rutschung, als deren Folge sich eine Flutwelle von bis zu 20 Metern Höhe auf die Millionenmetropole zuwälzen könnte. Ein Atomkraftwerk in Tekirdag könnte davon direkt betroffen sein. Auch die anderen beiden Standorte gelten als erdbebengefährdet. Dennoch hält die türkische Regierung an ihren Atomplänen fest. Als Antwort auf die in den vergangenen Tagen wieder lauter gewordenen Zweifel daran hat der türkische Energieminister Taner Yildiz nun verkündet, sein Land werde „die neueste Technologie“ einsetzen, während die in Japan betroffenen Anlagen aus den frühen siebziger Jahren stammten. „Wir sind entschlossen, unsere Atomkraftwerksprojekte in der Türkei fortzusetzen“, sagte Yildiz nach Gesprächen mit Fachleuten der türkischen Atomenergiebehörde Taek. Spätestens im Jahr 2023, zum hundertsten Jubiläum der Republiksgründung durch Atatürk, sollen zwei der drei Atomkraftwerke betriebsbereit sein. Während die Russen am Mittelmeer bauen sollen, laufen für den Bau des Atomkraftwerks an der Schwarzmeerküste derzeit Verhandlungen mit japanischen Anbietern. Zuvor waren Gespräche mit Südkorea gescheitert.

Frankreich
Französische Hoffnungen auf eine höhere Wertschätzung der einheimischen Nuklearindustrie im Nachgang der japanischen Atomkrise sind am Montag an der Börse enttäuscht worden. Der weltgrößte Kraftwerkshersteller Areva verlor in Paris zeitweise fast zehn Prozent an Wert. Der französische Stromproduzent EdF, der mit seinen 58 Kernkraftwerken mehr auf Atomkraft setzt als alle anderen Konkurrenten der Welt, erlitt bis zum Nachmittag Einbußen von fast 5 Prozent oder rund 2,8 Milliarden Euro. „Die nukleare Renaissance wird sich wahrscheinlich verzögern“, sagt Per Lekander, Branchenanalyst bei UBS in Paris, voraus. Am Vorabend hatte der französische Präsidentenberater Henri Guaino im Fernsehen noch seine Zuversicht geäußert, dass Frankreichs Erfahrung, Wissen und seine moderne Technologie künftig besonders gefragt sein könnten. Doch die nun losgetretenen Debatten über die Zukunft der Atomindustrie – auch im ansonsten eher nuklearfreundlichen Frankreich – verunsicherten die Anleger. Auch Areva, EdF und GDF Suez hielten sich mit Stellungnahmen auffallend zurück. „Wir wollen die Lage erst genau verstehen“, sagte eine EdF-Sprecherin. Die Hoffnung auf ein Comeback der Nuklearindustrie war bis zum japanischen Beben groß gewesen. Die Zahl der sich weltweit im Bau befindlichen Atomkraftwerke könne bis 2018 von 65 auf 110 steigen, schätzte etwa Ben Alias, Analyst beim amerikanischen Brokerhaus Sterne Agee. In Europa hatten mindestens elf Länder ihre Bereitschaft zum Bau neuer Nuklearreaktoren signalisiert oder machten sich schon an die Arbeit (Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, Litauen, Rumänien, Bulgarien, Tschechische Republik, Niederlande, Schweden und Finnland). Nun aber herrscht in der Branche große Skepsis vor. Immer wieder hat die Nuklearindustrie die Sicherheit ihrer Anlagen beschworen, und jetzt droht selbst im Hochtechnologieland Japan eine atomare Katastrophe. Vor allem in Ländern wie Italien und Großbritannien sei ein Kurswechsel möglich, vermutet Analyst Lekander. Frankreichs Ausrüster könnte dies zu einer strategischen Neuausrichtung zwingen. Areva und EdF haben sich vom Export ihrer Technik viel versprochen. Weltweit bieten die französischen Hersteller ihre Kraftwerke samt Wartung an. Präsident Sarkozy hatte sich 2007 selbst für einen Verkauf des von Areva und Siemens entwickelten Reaktors EPR-3 an Libyen eingesetzt. Nun beginnt aber das Zurückrudern: „Zehn bis fünfzehn Jahre braucht ein Land, um über die angemessene Infrastruktur, den Rechtsrahmen und eine Sicherheitskultur zu verfügen“, sagte der Präsident der französischen Behörde für Nuklearsicherheit (ASN), André-Claude Lacoste, in einem Interview. „Wenn Frankreich irgendwo seine Fahne hisst, wo es nicht ausreichende Sicherheitsgarantien gibt, dann wird die ASN öffentlich protestieren“, kündigt er an. Frankreich betreibt 58 Reaktoren an 19 Standorten. Das älteste Kraftwerk ist Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze, es ist Atomkraftgegnern ein besonderer Dorn im Auge. Das seit 1977 laufende Kraftwerk liegt in einem Erdbebengebiet.

Italien

Zum zweiten Mal steht Italien vor einer mit Emotionen geladenen Volksabstimmung über die Kernkraft kurz nach einer Katastrophe. Im Jahr 1987 platzte in die Diskussion vor einer Volksabstimmung die Katastrophe von Tschernobyl. Nun könnte sich wieder eine ähnliche Situation ergeben. Denn schon vor dem Erdbeben und den Kraftwerksunfällen in Japan war für Mitte Juni eine Volksabstimmung unter anderem über die geplante Rückkehr Italiens zur Kernkraft angesetzt worden. Die Bilder aus Japan haben nun neue Emotionen in eine bisher dröge Debatte gebracht. Dabei hatte die Regierung von Silvio Berlusconi alles getan, um die Beteiligung an der Volksabstimmung niedrig zu halten. Statt am Sonntag der Kommunalwahlen im Mai soll das Referendum getrennt davon im Juni stattfinden. Damit konnte die Regierung damit rechnen, dass viele Italiener das Wochenende am Meer verbringen würden und damit nicht das Quorum von 50 Prozent Wahlbeteiligung erreicht würde, das Voraussetzung ist, um dem Abstimmungsergebnis auch bindende Wirkung zu verleihen. Nun kommt Leben in die Debatte, die nun die Italiener auf jeden Fall zu den Wahlurnen der Abstimmung treiben könnte. Kernkraftgegner und Protestparteien können damit rechnen, dass die von ihnen betriebenen Referenden ernster genommen werden.Die italienische Verfassung gibt der Bevölkerung die Möglichkeit, ein Gesetz des Parlaments per Volksabstimmung zu annullieren. Dazu müssen 500.000 Unterschriften gesammelt werden, zudem ist eine formelle Zustimmung des Verfassungsgerichts nötig. Im Visier der Kernkraftgegner ist nun unter anderem ein Gesetz aus dem Jahr 2009, das der Wiedereinführung der Kernkraft in Italien den Weg bahnen sollte. Auch mit einer Annullierung würde der Weg zum Bau von Kraftwerken rein rechtlich nicht endgültig blockiert, doch würde dafür dann die politische Legitimation fehlen, ähnlich wie 1987, als in der Volksabstimmung nur eine Regel für die Genehmigung von Kernkraftwerken gekippt wurde, die damalige Regierung aber das Votum als eine generelle Ablehnung der Kernkraft interpretierte. Die Stilllegung von drei kleinen und einem neun Jahre alten großen Kraftwerk, sowie die Aufgabe eines fast fertiggestellten Kraftwerkes bei Rom kosteten Italien rund 10 Milliarden Euro, die auf die Strompreise umgelegt wurden. In den vergangenen Jahrzehnten importierte Italien rund 15 Prozent seines Stroms aus Kernkraftwerken Frankreichs und der Schweiz. Der frühere Chef des Stromversorgers Enel, Franco Tatò, kommentierte den Umstand mit den Worten: „Wir haben in Frankreich inzwischen ein paar Atomkraftwerke finanziert“. Die Regierung und die Wirtschaft erhofften sich bisher von der Kernenergie eine Senkung des überdurchschnittlich hohen Preisniveaus für Strom. Zudem sollte Italien unabhängiger werden von Gaslieferungen, von der im Moment fast die Hälfte der Stromproduktion abhängt. Derzeit hält die Regierung Berlusconi noch immer an den Kernkraftplänen fest und schimpft, die Kernkraftgegner benähmen sich wie „Schakale“. Die wiederum sagen, sie hätten offenbar in weiser Voraussicht gehandelt.

Russland

Das Vertrauen der russischen Führung in die Kernenergie bleibt unerschütterlich. Zwar beauftragte der russische Ministerpräsident Wladimir Putin am Dienstag aufgrund der Katastrophe in Japan das russische Staatsunternehmen Rosatom und die Ministerien für Naturnutzung und Energiewirtschaft, die Situation in der russischen Atomenergiebranche zu überprüfen. Am Montag hatte er jedoch gesagt, die Pläne für das Kernenergieprogramm des Landes würden nicht geändert. Natürlich würden aber Lehren aus den Ereignissen in Japan gezogen. Putin betonte am Dienstag zudem, dass das geplante Atomkraftwerk in Weißrussland, mit dessen Bau Rosatom im September beginnen möchte, sicherer sei als die betroffenen japanischen Reaktoren. Die russische Führung setzt weiterhin auf Nuklearenergie als Exportschlager. Das Atomenergieprogramm für Russland ist ehrgeizig: Die russische Regierung möchte den Anteil der Atomenergie am Energie-Mix von derzeit rund 16 Prozent auf mindestens 25 Prozent im Jahr 2030 steigern. Bis dahin sollen 26 neue Atomanlagen gebaut werden. Derzeit sind Kernreaktoren mit einer Gesamtkapazität von 24,2 Gigawatt in Betrieb. Ehrgeizig sind auch die Pläne fürs Ausland: Mitte Januar sagte Rosatom-Generaldirektor Sergei Kirijenko, die Staatskorporation wolle 30 Kernreaktoren im Ausland bauen. Die eindrucksvollen Pläne zeigen, dass die russische Atomindustrie vor den Katastrophenmeldungen aus Japan dabei war, das sogenannte Tschernobyl-Syndrom abzulegen. Russland nutzte die in den vergangenen Jahren feststellbare Atom-Renaissance, um die Atomindustrie neu zu positionieren. Im Jahr 2007 wurde die staatliche Atomenergie-Holding Rosatom gegründet, die aus dem früheren Ministerium für Kernenergie entstanden ist. Ihre Aufgaben sind mannigfaltig: Sie betreibt die Atomkraftwerke, kümmert sich um das stabile Funktionieren der Kernenergie und ist für die Sicherheit zuständig. Rosatom untersteht auch der zivile und militärische Produktionskomplex. Die Kernenergie wurde von der russischen Regierung als ein „strategischer“ Wirtschaftssektor eingestuft. Die Förderung der Atomindustrie gilt als ein Pfeiler zur Modernisierung der russischen Wirtschaft.

http://www.faz.net/artikel/S30770/atomindustrie-wie-die-welt-mit-der-kernkraft-umgeht-30330536.html

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