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power – strom und macht

Erbeben oder Tsunami? IAEA zu Fukushima

Susanne Gerber

01.06.2011

Die 18 Inspektoren der IAEA haben zehn Tage lang in Japan untersucht, wie die Atomkatastrophe zustande kommen konnte und geben in ihrem vorläufigen Bericht Handlungsempfehlungen. Japan hat nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die Tsunami-Gefahr für das Küstengebiet am Atomkraftwerk Fukushima unterschätzt. Das geht aus dem Entwurf eines Berichts hervor, den ein IAEA-Team jetzt der japanischen Regierung überreicht hat. Der vollständige Bericht der Kommission soll auf einer Konferenz in Wien Ende Juni vorgestellt werden. Die Tsunami-Gefahr für mehrere AKW-Standorte sei falsch eingeschätzt worden, erklärten die IAEA-Experten. Die Planer und Betreiber von Atomkraftwerken müssten die Risiken durch Naturkatastrophen besser abschätzen und die Anlagen entsprechend schützen. Die Sicherheitsvorkehrungen der Atomkraftwerke müssten zudem so effektiv und robust sein, dass sie nach einem schweren Unfall „rechtzeitig“ in Gang gesetzt werden könnten. Von der Regierung in Tokio verlangten die 18 Experten aus zwölf Ländern nach ihrer einwöchigen Untersuchung, die Unabhängigkeit der japanischen Atomaufsicht zu verbessern. Die Reaktion der Regierung auf die Atomkatastrophe bezeichneten sie zugleich aber als „vorbildlich“.

http://www.tagesschau.de/ausland/fukushima518.html

Ursache des AKW Unfalls und die entstandenen Schäden

Der Tsunami, der Mitte März durch ein schweres Beben ausgelöst wurde, sei ganz offensichtlich die direkte Ursache für das Desaster von Fukushima, sagte Michael Weightman, der Chef des IAEA-Teams. Eines der Hauptversäumnisse war demzufolge, dass das Atomkraftwerk im Küstengebiet nicht durch höhere Mauern geschützt war. Die 14 Meter hohe Tsunami-Welle konnte durch die 5,7 Meter hohe Schutzmauer nicht aufgehalten werden. Das Wasser setzte die Notstrom-Generatoren aus – wodurch mehrere Kernschmelzen in Gang gesetzt wurden.

Diese Bewertung der IAEA  überrascht, steht sie doch im krassen Gegensatz zu anderen ernstzunehmenden Informationen. Eine Analyse des Energiekonzerns Tepco war, laut Süddeutscher Zeitung vom 1.6.2011, vor zwei Wochen zu einem anderen Ergebnis gekommen: Die Kernschmelze im AKW Fukushima-1 habe direkt nach dem Erdbeben begonnen. Schon allein das Beben der Särke 9 hatte Fukushima-1 schwer beschädigt. In der Untersuchung hatte der AKW-Betreiber Tepco eingeräumt, dass die Erdstöße zumindest Reaktorkern 1 leckgeschlagen hatten. Kühlwasser lief daraufhin aus, die Brennelemente lagen blank und heizten sich auf. Es dauerte nur 16 Stunden, dann waren 68 Tonnen hoch radioaktiven Kernbrennstoffs geschmolzen.  Tepco gab außerdem bekannt, dass die Reaktoren bei dem Beben stärker beschädigt wurden als zunächst angenommen. So wurden die Brennstäbe der Reaktoren 1, 2 und 3 bereits sechs bis 14 Stunden nach dem Beben nicht mehr gekühlt. Alles deutet darauf hin, dass die Kernschmelze in den aktiven Reaktoren schon kurz nach dem Erdbeben und vor der Flutwelle einsetzte – früher als bislang bekannt war. In der Greenpeace Presseerklärung vom 26.5.2011 steht „Innerhalb der ersten 24 Stunden des Unfalls hatte Tepco direkten Zugang zu Daten, welche die rasch ansteigenden Temperaturen im Druckbehälter sowie eine Kernschmelze offensichtlich machten. “ Obwohl diese Daten nicht veröffentlicht wurden, konnte der britische Nuklearingenieur Dr.John Large von Greenpeace die Kernschmelze in den Reaktoren 1-3 schon wenige Tage nach der Explosion nachweisen.

Kathastrophenmanagment

Lob gab es von der IAEA für den Umgang Japans mit der Krise – dieser sei „beispielhaft“ gewesen. Zugleich mahnte die Behörde aber laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo eine bessere Kommunikation an. „Wir sind hochbeeindruckt von der Hingabe der japanischen Arbeiter, die daran arbeiten, diesen beispiellosen Atomunfall zu überwinden“, sagte Weightman. Japans langfristig angelegte Rettungsaktion, einschließlich der Evakuierung der Gebiete um das AKW, sei ebenfalls „beeindruckend und gut organisiert“, urteilten die Experten aus zwölf Ländern.

Andererseits hatten Fukushima-Betreiber Tepco und die japanische Regierung  in den vergangenen Monaten wegen ihrer zögerlichen Informationspolitik immer wieder heftige Kritik ausgelöst – unter anderem hatte Greenpeace ihnen Betrug vorgeworfen und das auch belegt. „Schon wenige Stunden nach dem japanischen Erdbeben vom 11.März hat Tepco von den Kernschmelzen in Fukushima gewußt und die radioaktive Verseuchung seiner Angestellten, der umliegenden Regionen und des Meerwassers in Kauf genommen“. Die Betreibergesellschaft hat erst vergangene Woche zugegeben, dass es nicht nur in einem, sondern in drei Reaktoren zu einer Kernschmelze gekommen ist. Sie bestätigten damit viel früher getroffene Einschätzungen zahlreicher unabhängiger Experten. Sowohl das Unternehmen als auch die japanische Regierung waren bislang wegen ihres Umgangs mit der Katastrophe von verschiedensten Seiten heftig kritisiert worden. Um Tepco vor dem Konkurs zu bewahren, muss der Konzern mit umgerechnet 43 Mrd. Euro gestützt werden. Gegen Japans Ministerpräsident wurde  ein Misstrauensvotum erhoben.

Technische Konsequenzen

Die technischen Empfehlungen der IAEA lauten „Die Planer und Betreiber von Atomkraftwerken sollten die Risiken durch alle möglichen Naturkatastrophen besser abschätzen und entsprechende Schutzmaßnahmen einsetzen. Die Sicherheitsvorkehrungen der Atomkraftwerke müssten zudem so effektiv und robust sein, dass sie nach einem schweren Unfall rechtzeitig in Gang gesetzt werden könnten.“ Wenn hier von allen Risiken durch Naturkatastrophen gesprochen wird, steht in einem Land wie Japan, aber auch in Europa und den USA, die Gefahr durch Erdbeben nach jüngsten Erfahrungen an erster Stelle. Atommeiler in Erdbebengebieten können nicht durch hohe Mauern und gesicherte Kühlssysteme geschützt werden. Hier sind tatsächlich neue Bewertungen und Konsequenzen nötig.

Politische Lehren

Im Bericht sprach sich das Team der IAEA für die Schaffung einer unabhängigen Atomaufsicht aus. In Japan wurde die Atomaufsichtsbehörde kritisiert, weil sie Teil des Wirtschaftsministeriums ist, das deutlich für Kernenergie wirbt. Geht es hierbei um die Unahängigkeit der Atomaufsicht vom Staat oder von industriellen Interessengruppen? Die Unabhängigeit einer Atomaufsicht vom Militär? Wer soll eine Atomaufsicht in wessen Interesse unabhängig leisten? Ist die IAEA eine solche unabhängige Institution und was hat sie für Perspektiven?

Was ist die IAEA?

Die Internationale Atom Energie Organisation (IAEO, International Atomic Energy Agency, IAEA) ist eine autonome wissenschaftlich-technische Organisation, die innerhalb des Systems der Vereinten Nationen einen besonderen Status innehat. Die IAEO ist keine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, sondern mit diesen vielmehr durch ein separates Abkommen verbunden. Sie berichtet regelmäßig der Gereralversammlung der UN und darüber hinaus dem UN Sicherheitsrat, wenn sie eine Gefährdung der internationalen Sicherheit feststellt. Die IAEO soll laut Satzung „den Beitrag der Kernenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit beschleunigen und vergrößern“; sie soll also die Anwendung radioaktiver Stoffe und die internationale Zusammenarbeit hierbei fördern sowie die erweiterte militärische Nutzung dieser Technologie durch Überwachungsmaßnahmen verhindern.

Es gibt die Kritik die IAEO sei in einer Zeit entstanden, als man Atomstrom „als Lösung aller Menschheitsfragen“ betrachtet habe. Sie habe ihre Haltung auch nach Tschernobyl 1986 kaum geändert; das Hauptziel der Organisation, den Beitrag der Atomenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand zu vergrößern, ist unverändert. Das 1997 unter der Schirmherrschaft der IAEO geschlossene Atommüllabkommen sieht keinerlei Sanktionen vor. Über hundert IAEO-Mitgliedstaaten besitzen bis heute keine innerstaatlichen Sicherheitsstrukturen zur Kontrolle solcher Standards. Die IAEO hat noch 2004 damit gerechnet, dass der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Stromversorgung bis 2050 auf über 50 % steigen werde.

Am 1. Juli 2009 kritisierte die IPPNW, eine internationale atomkritische Ärzteorganisation, das seit 50 Jahren bestehende Abkommen der IAEO mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In diesem Abkommen übernimmt die IAEO die Hauptverantwortung für alle atomaren Forschungsprojekte. Dadurch behindere sie die WHO bei der Berichterstattung über Gesundheitsrisiken von Strahlung. Gesundheitsfolgen von Tschernobyl, Thema zweier größerer UN-Konferenzen, 1995 in Genf und 2001 in Kiew, sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht worden. Nach der Reaktorkatastrophe in Japan 2011 fordert die IPPNW die Kündigung des Abkommens zwischen WHO und IAEO. Die WHO wurde am 23. März 2011 aufgefordert, die Bevölkerung, insbesondere die japanische, ungeschönt und objektiv über die gesundheitlichen Risiken zu informieren und sich für die Evakuierung von Frauen, Kindern und schwangeren Frauen aus den betroffenen Gebieten einzusetzen. Die in Fukushima durchgeführten Strahlungsmessungen der IAEO stießen auf Kritik.

Michael Weightman

Mike Weightman

Mike Weightman is responsible for securing the nuclear safety and security of the civilian nuclear industry (nuclear power reactors, nuclear chemical sites, such as Sellafield and nuclear research sites), and the safety of the defence nuclear industry (refuelling of nuclear submarines and Atomic Weapons Establishments at Aldermaston, Burghfield etc).   He acts on behalf of UK Government at a variety of forums.

He chairs various international nuclear safety committees on behalf of OECD and EC, and is a member of a group of leading nuclear safety experts who advise the Director General of the IAEA on worldwide nuclear safety.

From May 2002 Mike also chaired the Investigation Board that oversaw the investigation into the Potters Bar rail tragedy.

Before 1988 Mike worked in the nuclear industry for 13 years fulfilling a number of management roles involved in research, operations and engineering projects.  He also acted as a consultant for a major engineering consultancy and for the American Institute of Chemical Engineers.

In a personal capacity Mike is a member of the IAEA International Nuclear Safety Advisory Group.

He is a Chartered Engineer and a Chartered Physicist.

Michael Weightman, Banri Kaieda Pictures & Photos

Michael Weightman, head of IAEA Investigation Team, said, „I have no concerns. We have full cooperation and access to information. Whatever questions we’ve asked, they have answered. No I haven’t done any analysis on that. We have just got here. We just started our discussions. We will come to our own views on the information that we seek and we will seek to learn these lessons on behalf of the world.“

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Einsortiert unter:Fukushima, Politik, Unfall

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